Schminke Dein Antlitz und lache für Geld!

 

 

Schock! Keine Sitzplätze - Panik! Fast 2 Stunden stehen. Will das Opernhaus uns umbringen? Na, das ist ja ein netter Einstieg unseres neuen GMD Klaus Weise. Der führt hier Sitten ein. - Der erste Gedanke, der mir da in den Sinn kam war: 'Will er uns vergraulen.' und der Zweite: 'Nein, der will uns zeigen, wie man sich fühlt, wenn man wie er da zwei Stunden während einer Aufführung stehen muß?' Na vielen Dank Herr Dirigent! Ich bin extra Zuschauer geworden, damit mir DAS erspart bleibt!!! - Antlitz ist geschminkt, aber Lachen funktioniert jetzt nicht mehr. Noch nicht mal für Geld. Aber ich bin ja selber schuld. Was mache ich da nur wieder für Experimente, gehe in eine Oper, die ich überhaupt nicht kenne und dann auch noch eine Freiluftaufführung in der Moritzburg. Da war doch die letzte schon eine Pleite. Das ist die Strafe, habe ich doch wieder nicht aus Fehlern gelernt. Nagut, dann stehe ich mir wenigstens meine "Penne Diplomatico" wieder ab. Das ist mein Standardessen im "Las Salinas" - wirklich lecker.

Nein! Ich werde hier auf keinen Fall einen Schritt zurückweichen und klein bei geben. Das Opernhaus kriegt mich nicht kaputt. Ich bleibe eisern und harre der Dinge, die da kommen mögen.

Einen rettenden Strohhalm gibt es ja. Sie haben den "Weinkontor" rein gelassen - also ganz so boshaft scheinen sie nun doch nicht zu sein. Sie lassen einen noch die Möglichkeit sich zu betäuben. Ach Mist ich bin ja mit dem Auto.... war's wieder nix mit dem Betäuben.

Also gut, auf der Eintrittskarte steht "Platzwahl frei" - hehe, sehr witzig, welchen Stehplatz wähle ich denn da? Nagut dann wähle ich mal weise und nehme einen von denen vor der Bühne.

Sie hatten eine kleine niedliche Bretterbühne im Hof der Moritzburg aufgebaut - hmmm - merkwürdiges Bühnenbild?! Eigentlich gar kein Bühnenbild - aha, sehe schon, der Neue führt Sparmaßnahmen ein - tja gut, was sein muß, muß sein. Aber das Orchester hat immerhin noch Sitzplätze. Da hatte er nun doch ein barmherziges Herz und konnte sie wohl nicht so lange stehen lassen. Ist ja auch logisch, sonst bekommt es der Cellist bei der Bückerrei ja ins Kreuz und fällt bei der nächsten Vorstellung wegen Ischias Problemen aus und so ganz ohne Cellis ist ein Orchester ja auch nicht so doll - nein, daß geht nun wirklich nicht. Aber immerhin hätte er ja die Flöten und Geigen stehen lassen können und mit dem Bass geht das sicherlich auch - zur Not.

Aha! Da ist er also der Übeltäter - hmmm, sieht doch eigentlich gar nicht aus wie ein Tyrann. Eigentlich eher harmlos - aber wahrscheinlich kann er sich nur gut verstellen. Oh jeh, jetzt holt er aus zum Schlag - und .... die Ouvertüre .... hey, die klingt ja gar nicht schlecht. Im Gegenteil, die hört sich ja richtig gut an. Super, daß wir nicht sitzen müssen, da kann man doch gleich mal ein bißchen näher heran gehen. Brillante Idee vom Opernhaus - hatte ich das schon gesagt? <grins>.

Ruggero Leoncavallos Oper scheint wirklich nicht schlecht zu sein. Zumindest ist die Ouvertüre schon mal erstklassig. Klaus Weises Stil ist ein anderer als der von Roger Epple - muß ja so sein. Wäre doch sonst auch langweilig, wenn es bei jedem das selbe wäre.

Ich mochte Roger Epple und ich glaube Klaus Weise gefällt mir auch sehr Klaus Weise (Quelle: Prospekt des Opernhauses Halle) gut. Die Ouvertüre war schon mal spitze und der Klang im Moritzburghof machte wirklich etwas her. Ich bin beeindruckt. Aber wo sind jetzt die Sänger? Ich bin mir sicher, das da welche sind. Ist ja schließlich eine Oper. Da wird gesungen - habe ich jedenfalls immer gedacht. Tucker, tucker, knatter, knatter und da kommt sie schon die fahrende Bühne - also das ist doch mal eine tolle Idee für ein Bühnenbild. Habe ich Euch schon gesagt, daß das Bühnenbild grandios ist? Was für eine phantastische Idee! Da kommen sie wie die Gaukler mit einer fahrenden Bühne in den Moritzburghof hineingetuckert. Ein herrliches altes Auto. Ich fühlte mich sofort auf einen Marktplatz versetzt und mit dem Chor zwischen den Zuschauern war das bunte Treiben des Marktplatzes perfekt in Szene gesetzt. Herr Weise, Sie beeindrucken mich immer mehr. Das ist ja ein wunderbarer Spaß. Überall Stimmen, die die fahrende Bühne freudig begrüßen. Völlig klar, daß da natürlich kein Platz für Sitzplätze war. Und das störte noch nicht mal. Es war alles so spannend, daß man seine platten Füße gar nicht merkte. GENIAL! Also dieser Geniestreich gefällt mir wirklich gut.

Und dann auch noch so ein herrliches Wetter - ich bin begeistert. Noch besser kann man einen Spätsommerabend gar nicht genießen.

 

"Hört denn! Laßt Euch im Stücke rühren

Der Liebenden Schicksal,

Das Eu'rem oft gleicht ...

Den Haß sehet wüten

Den Neid sehet nagen;

Bis das Maß der Schuld erreicht ist -

Und die Hölle fordert

mit heiser'm Lachen ihren Lohn ... "

 

"Macht fort; das Spiel kann beginnen!"

 

... und es beginnt. Frei nach dem Motto: Wie im Leben, so auf der Bühne. Oder wie auf der Bühne, so auch im Leben. Ja, da hat der gute Herr Leoncavallo gar nich so ganz unrecht. So weit weg vom "wahren" Leben ist die Bühne nicht - aber gut, daß wir diesmal nur Zuschauer sind und alles sozusagen mehr oder weniger von der Ferne betrachten dürfen. Aber nein, eigentlich stehen wir ja mitten drin - zumindest in dieser Inszenierung. Der Chor ruft von rechts und von links und von hinten und von überall und der Bajazzo ist schlecht gelaunt und wünscht sie zum Teufel. Die Menge tobt und wartet auf das Spektakel, was folgen soll. "Vivat! Vivat! Bajazzo hoch, mit seiner Laune, seinem Schwank! Die Künstler hoch! Zollt ihrem Spiel das froh'ste Lachen, Dann werden sie's noch besser machen...."

... und ich zollte und um mich herum die Zuschauer ebenfalls. Ein Prosit auf den Bajazzo und Richard Brunner Ruggero Leoncavallo (1857-1919) hatte die Menge schon auf seiner Seite.... bis Nedda auftaNaira Abragamyanucht. Was für eine Schönheit! Spitze! Naira Abrahamyan war genau die richtige Besetzung für Nedda, die Frau des Bajazzo. Sie sah aus, wie eine rassige Spanierin und hatte eine wundervolle, kräftige Stimme und ich fand auch, daß sie hervorragend spielte. Aber am besten in der Mimik und im Spiel fand ich Ian Vayne, der den schleimigen Tonio spielte, ein Komödianten Kollege, welcher scharf auf Nedda war und schadenfroh, wenn sich die Widersacher aus Eifersucht zu ihr zerfleischten.... wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte.

Canio, der Bajazzo, war auf jeden eifersüchtig und das mit recht, was sich alsdann herausstellte. Denn Nedda hatte alles andere als die Treue zu ihm im Kopf.

Gerd Vogel spielte ihren Liebhaber Silvio und es gab eine wunderbares Duett zwischen den beiden. Oh wie romantisch und wie herrlich sie turtelten.

 

"Wir sind vereint!

Ewig nur Dein!

Sieh' mir selig in's Auge,

Dein Bild ist drin.

Küß fort die Tränen,

Nimm Geliebter,/ Geliebte, ganz mich hin."

 

Sie schlichen sich davon, weg von der Bühne, in eine stillere Ecke des Moritzburghofes. Leider folgten die Zuschauer und das Liebespaar hatte keine Ruhe. Und auch Tonio entging das nicht und er ist sauer darüber. Nedda erkannte schon sehr recht, daß das ein gefährlicher Bursche ist. Natürlich verrät er die beiden an Canio, aber Silvio konnte flüchten und blieb somit unerkannt.

Man konnte Canios Herz richtig brechen hören. Was für ein furchtbares Gefühl, wenn man erkennen muß, daß es vorbei mit der Liebe ist und daß das geliebte Wesen einen anderen im Sinn hat. Oh armer Canio und dann sollst Du auch noch Theater spielen und lustig sein. Das Lied des Bajazzo ist so traurig, daß es mein Herz zum weinen brachte.

 

"Jetzt spielen? Wo mich Wahnsinn umkrallet?

Wo kaum ich weiß zu stammeln, noch klar zu sehn!

Und doch: es muß sein -

Das Schicksal will's.

Bah - bist Du denn ein Mensch?

Bist nur Bajazzo!

Hüll' Dich in Tand und schminke Dein Antlitz:

Man hat bezahlt ja - will lachen für's Geld.

 

Du bist Hanswurst nur; raubst Du Colombine,

Schreit man: Bajazzo, der kennt die Welt.

 

Die vielen Tränen, die im Spiel wir verhüllen,

Geknicktes Hoffen, - ein todwundes Herz:

 

Ah - lach doch, Bajazzo, schneid' tolle Grimassen,

Kennst kein Gefühl, bist ein Spielzeug zum Scherz!"

 

Da fand ich es nun wieder schade, daß sie den Teil in italienisch gesungen haben. Das Lied hat einen so wunderschönen Text - seufz - daß es Frau so richtig traurig stimmt. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen und getröstet - armer Kerl. Was des einen Lieb' ist des anderen Leid. Warum ist das Leben nur so gemein?

Aber was soll man dagegen machen? Wo die Liebe hinfällt...  erst einmal verliebt und es ist alles zu spät. Das kann man dann nicht mehr stoppen. Es kann für den einen noch so ungerecht sein und eine Katastrophe verursachen, aber es bedeutet für den anderen das Leben. Sperrt man sich dagegen wird das nur noch schlimmer. Dann sind beide unglücklich und es gibt sowieso kein "wie Früher" mehr. Nein, solche Entscheidungen sind wirklich nicht einfach, müssen aber getroffen werden... und der arme Bajazzo muß auch noch lachende Mine zu diesem traurigen Spiel machen. Das stelle ich mir wirklich sehr schwer vor. Wenn ich Liebeskummer habe, möchte ich mich lieber verkriechen und keinen sehen. Wie schlimm ist das wohl, wenn man da auf der Bühne stehen und das Publikum unterhalten muß?

 

Hoheh! Das Spiel beginnt und das "Volk" strömt von allen Seiten herbei. Was für ein Gedränge. Zwei Polizisten scheuchen die Zuschauer zur Seite und Sitzbänke werden ihnen vor die Füße gestellt - gute Idee - und wer schnell war bekam auch noch einen ab. Die Inszenierung war wirklich perfekt. Es paßte alles bis auf's  i - Tüpfelchen.

Ein Spiel im Spiel und alles wiederholt sich.

 

Der Harlekin (Christian Zenker) schmilzt vor Liebe hin und Colombine will mit ihm fliehen und ihren Bajazzo verlassen. Der Bajazzo taucht auf und schäumt vor Wut. Er verwischt das Spiel mit dem Spiel im Spiel und macht dem selben ein Ende.

Armer Bajazzo, wie schlimm muß das alles für Dich gewesen sein, daß Du keinen anderen Ausweg mehr fandest. Tod und alles ist vorbei ... "Geht ruhig heim - Das Spiel ist aus ... !"

 

- seufz - so kann es gehen ....

 

Liebes Opernhaus, Ihr habt Euch diesmal wirklich selber übertroffen .... und liebe Leute, das MÜSST Ihr Euch ansehen!!! Nicht nur eine phantastische Musik, sondern auch eine sehr gelungene Inszenierung. Einfach perfekt!

Ich denke mit Klaus Weise haben wir einen guten Fang gemacht. Ich freue mich jetzt schon auf seine Sinfoniekonzerte. Wie es aussieht ist er Beethoven-Fan. Genial, der ist auch mein Liebling. Also dann, wir lesen uns ...

 

 

Eure Jana