Frühstück bei ...
Nachdem wir den Tag mit der Wenderevue beschlossen haben fühlten wir uns geradezu verpflichtet unsere müden Glieder mit einem Kaffe im nt-Café wieder aufzuwecken.
Wir haben den
Spruch ernst genommen, man soll mit dem beginnen, wo man letzten Abend aufgehört
hat - Also "Guten Morgen Herr Bachmann!" - nein nein, nicht was Ihr
denkt! Er
hat uns am Samstag mit seinen Kollegen und der Wenderevue in die Nacht
verabschiedet und am morgen im nt-Café zum Theaterfrühstück begrüßt. Dank Frau
Dinebier durften wir die diesjährigen Striesepreisträger life und in Farbe begrüßen - jedenfalls war es
so geplant, aber leider konnte Danne Hoffmann nicht dabei sein, da sie zur
Filmpremiere ihres Filmes eingeladen war. Somit stand
Herr Bachmann allein im Ring und hat sich hervorragend geschlagen. Um es im
Fußball Terminus auszudrücken, nach mehreren Gleichständen gingen wir in die
Verlängerung. Das heißt, normale Spielzeit 1 h und wir überzogen um eine weitere und
kamen noch nicht einmal dazu, ihn zu fragen, was denn nun Abseits sei - naja,
vielleicht klappt das ja später noch mal. Wäre interessant, wie das ein ehemaliger
Spieler der Oberliga des HFC (Haben wir das jetzt richtig verstanden, Herr
Bachmann ?!?) und VIP Gast im Fußballstadion zwei Frauen erklärt.
Trotz daß er
Fußball mag, was für Frauen immer unbegreiflich und schwer verständlich ist, war
er ein sehr interessanter und intelligenter Gesprächspartner.
Frau Dinebier eröffnete mit einer kurzen Vorstellung seiner Person, wobei wir erfuhren, daß er zu seinem eigenen Entsetzen nächstes Jahr 50 wird und seit ca. 30 Jahren am Theater arbeitet, wohl seit dem 07.10.1974. Peter W. Bachmanns Rentenversicherung meinte allerdings es wäre der 04.10. - naja, die werden sich schon einig werden.
Mit 19 Jahren begann er als Beleuchter des Landestheaters Halle. Da er ein ausgeschlafenes Kerlchen war, oder besser gern ausschlafen wollte, kam ihm dieser Job sehr entgegen.
Ursprünglich hat er
auch etwas "Richtiges" gelernt, aber leider können wir uns daran nicht mehr
erinnern - Sorry, manchmal hat auch Frau Kopf wie Sieb ;-) ... aber auf alle
Fälle ist man dabei schmutzig geworden und da er doch eher ein sauberer Bursche
ist, hat ihm das wohl
nicht so recht zugesagt.
Während seines Beleuchter Jobs begann er sich für die Schauspielerei zu interessieren und nach mehreren Anläufen hat es dann auch geklappt und er ist bei der Berliner Schauspielschule aufgenommen worden - korrigieren Sie uns, Herr Bachmann, falls hier irgend etwas nicht stimmt. Wir hatten zwar keinen Alkohol intus, aber waren durch die letzte Nacht noch nicht so ganz aufnahmefähig.
Gut für uns, daß er nicht so leicht aufgegeben hat. Es wäre in ihm ein hervorragender Schauspieler unseres neuen theaters verloren gegangen.
Es folgten ein paar
Anekdoten aus seinem bewegten Leben ... besonders hervorzuheben seine Erfahrungen aus Romeo und Julia - 50
mal hat er den Romeo gegeben
(Augen verdreht) und uns die Romantik verdorben mit
so etwas wie, da rödelt man sich einen auf der Bühne ab und wer erntet den
Applaus? - der Mercutio wo der doch bereits nach dem ersten Akt das zeitliche segnet -
der kommt, nimmt, stirbt.... und siegt!
Hier zeigt sich mal wieder, daß solche Erfahrungen das ganze Leben prägen und so sind diese in seine letzte Regiearbeit zu "es war die Nachtigall..." eingeflossen. Unsere Romanik war dahin, aber wir hatten nicht viel Zeit zum trauern, denn es ging mit interessanten Erzählungen weiter.
Wir erfuhren, daß er seine längste 'Beziehung' zu einer Frau mit Elke Richter hatte, mit der er schon zusammen die Schauspielschule absolviert hat und das seine Musikerfahrungen halfen so manchem Stück den richtige musikalische Touch zu geben - natürlich in Zusammenarbeit mit unserem grandiosen Kapellmeister Matthias Nilius....
Zum Thema
Fernsehserien hat er sich auch nicht gerade lobend geäußert, aber was soll er
machen, wenn sein Sohn in einer der meistgesehen Dailysoaps "Gute
Zeiten, Schlechte Zeiten" mitspielt.
Naja, jedenfalls in der Anzahl der Fanpost und Verehrerinnen hat der Sohn den Vater
wohl bereits jetzt schon überholt.
So, aber nun genug Privates getratscht. Jetzt zurück zum Beruflichen.
Seit 01.08.1982 ist er beim "nt" in Halle in Lohn und Brot und es scheint ihm so gut zu gefallen, daß er sogar ein Engagement im Thalia Theater Hamburg ablehnte. Auch ein Auge auf seine berühmteren Schauspieler Kollegen hat er wohl nicht so recht, da ihn erst seine Frau aufklären mußte mit wem er denn da eigentlich spielt. Also Herr Bachmann! Einen Hannes Jänicke kennen sogar wir.
Witzig war die Anekdote mit dem Casting bei Rosa von Praunheim - oder könnt Ihr Euch Herrn Bachmann als hausfrauenvergewaltigenden 'Staubsaugervertreter' vorstellen?
Also soweit reicht
auch unsere Fantasie nicht (obwohl die sonst schon sehr weit reicht). Wir
können Peter W. Bachmann sehrwohl verstehen, daß er nicht unbedingt, auch nicht um
als Schauspieler für die Zusammenarbeit mit einem so exaltierten Regisseur wie
z.B. Rosa von Praunheim geadelt zu werden, in einer
solchen Low Budget
Produktion, wo man die Kohle erst bekommt, wenn das Ding verkauft wird, unbekleidet auf einem Stuhl im Keller von Ratten belagert und
rachsüchtigen Frauen ausgesetzt sein will.
Diese Geschichte erzählte er eigentlich nur um klar zu machen, was manche Schauspieler Kollegen bereit sind zu tun um eine Rolle zu ergattern. Bedenkt man, wie er meint, daß jährlich ca. 2000 Schauspieler ausgebildet werden, ist es wohl wirklich schwer an gute oder überhaupt an Rollen heranzukommen. Somit ist er sehr zufrieden in einem festen Ensemble zu arbeiten, wo eine familiäre Atmosphäre herrscht und in einer Stadt, wo es mit so einem guten und fairen Publikum doppelt soviel Spaß macht. Und am Erfreulichsten fand er, daß sogar ein paar es geschafft haben am Sonntag morgen um 11 zum Theaterfrühstück zu erscheinen. Vielen Dank für die Blumen, Herr Bachmann, gern geschehen! Aber auch Dank zurück, daß sie für uns etwas Schlaf geopfert und nach dieser anstrengenden Wenderevue Nacht den Weg nach Halle zum nt-Café gefunden haben - es war uns eine Ehre.
Irgendwann
drifteten wir vom Theater ab zur Bildung und steuerten direkt auf die
Wirtschaftskrise und Hartz IV zu. Hier hatten wir eine sehr anregende Diskussion
und bekamen dann doch wieder die Kurve Richtung Kultur.
Trotz Halles
lobender Initiative,
Kulturhauptstadt werden zu wollen, sparen sie bei der Kultur. Für uns eigentlich
widersinnig, aber wahrscheinlich brauchen sie das Geld für Magdeburg oder andere
Hobbys. Somit ist die Kostensituation des nt's auch nicht sehr
rosig, wie überall in der Wirtschaft, denn auch ein Theater wird wie eine Firma
geführt. Um Kosten einzusparen hat man z.B. das Orchester in der
Dreigroschenoper reduziert und bekam sofort von der Brecht Foundation einen auf
den Deckel. Unverständlich für uns, daß diese Vereinigung weltweit solch
genaue Vorschriften heraus gibt und für jede Aufführung noch ordentlich abzockt.
Soviel zum kulturellen Erbe für jedermann. Kleinere Theater können sich somit
solche Aufführungen erst gar nicht leisten, was nicht gerade
zur kulturellen Bildung ihres Publikums oder potentiellen Publikums beiträgt. Dabei gehört
Brecht doch
eigentlich zu den meistgespielten
und populärsten Schriftstellern. Schade, daß
durch solche Institutionen so manchen diese Sachen vorenthalten bleiben. Unsere
Meinung ist, daß sie einerseits schon recht haben, die Stücke zu schützen, damit
keiner Unfug damit treibt, aber andererseits sollte man sie doch nicht so sehr
beschränken, daß überhaupt kein Handlungsspielraum mehr bleibt.
Gerade auch bei solchen Stücken, die so populär sind und vor allem auch jüngeres Publikum anziehen, finden wir, sollte man diese Regeln doch ein bißchen mehr lockern. Schade, daß man den Herren Brecht dazu nicht mehr befragen kann. Hätte gern gewußt, ob das wirklich so in seinem Sinne ist.
Leider ist es in dieser Zeit nicht einfach unsere Jugendlichen und so manche Eltern für ein bißchen Kultur zu begeistern. Die lassen sich lieber von solchen (das Wort, was ich jetzt im Sinn habe, lasse ich hier doch lieber weg) Serien wie "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" oder Containershows wie "Big Brother" durch's Fernsehen bestrahlen. Das ist der einfachere Weg, da muß man nicht nachdenken und kann herrlich abschalten. Wer möchte auch schon sein Gehirn noch nach Feierabend gebrauchen?
Mit diesem Problem hat auch das neue theater zu kämpfen. Selbst die 5-EUR-Vorstellungen scheinen unsere jüngere Generation nicht aus ihrer Kulturmüdigkeit und die Ältere aus dem Fernsehsessel zu wecken. Und dabei bietet das Repertoire des neuen theaters wirklich für alle etwas - von ernst und nachdenklich bis komisch und manchmal sogar albern. Nein, liebes nt, da braucht Ihr nichts dran zu ändern. Die Wahl Eurer Stücke ist perfekt.
Herr Bachmann
bemerkte, daß es schade ist, daß man so wenig Studenten im Theater antrifft,
obwohl Halle doch mehr als 16 000 Studenten aufweisen kann. Man sollte doch
meinen,
daß z.B. Stücke wie die Wannseekonferenz für Soziologie oder Psychologie
Studenten interessant sein könnten. Und wir meinen, die Idee hinterher über die
Stücke zu
sprechen, wäre wohl auch nicht nur für Studenten interessant.
Leider mußten wir uns 13:00 Uhr aus der netten Runde verabschieden. Gern wären wir noch ein bißchen länger geblieben und hätten weiter geschwatzt, aber "Titus" wartete in Bad Lauchstädt und dort fangen sie schon 14:30 Uhr an.
Wir haben die 2 Stunden sehr genossen und bedanken uns für die wiedermal gute Organisation von Katrin Dinebier und der Freunde des neuen theaters.
Die Atmosphäre war so locker und ungezwungen, daß sogar ein Herr Bachmann mühelos vom eleganten Hochdeutsch zum hallensischen Kauderwelsch wechseln konnte, nachdem er sich etwas wohler fühlte mit dem doch sehr interessierten Publikum.
Eure Jana, diesmal in Kooperation mit Uli
