Der Wahnsinn tritt ans Licht....

 

... sag mir, wo Du stehst, welchen Weg Du gehstDie Goitzsche bei Bitterfeld 2004?

Im Falle meines After Work Party Versuches am Donnerstag letzter Woche, war nur noch von "stehen" die Rede, da Tanzen, geschweige denn Gehen bei der Fülle von Menschen, die sich im Havana Club der Palette in Halle angefunden hatten, leider nicht mehr möglich war.

Anders im "neuen theater" zu "Arsen und Spitzenhäubchen". Dort bekamen wir noch gerade so einen guten Platz in der vorletzten Reihe des fast ausverkauften Saales und durften dem Wahnsinn auf der Bühne folgen. 

Ich denke, ich kann hier schon mal vorweg nehmen, daß die hallesche Inszenierung rund um gelungen ist - die Kostüme spitzenklasse, das Bühnenbild passend und die Schauspieler hervorragend! Wir haben uns gebogen vor lachen. DAS sollte man wirklich gesehen haben - allerdings so als Wessi muß man schon vorsichtig sein. Da könnte man es schwer haben so manchen Witz zu verstehen. Und es soll auch Zuschauer gegeben haben, die in der Pause das Geschehen verließen - allerdings kann ich mir da nicht vorstellen, was das veranlasst haben soll. Das Stück kann es jedenfalls nicht gewesen sein.

 

Am Donnerstag zuvor war ich also das allererste Mal zu einer After Work Party. Ich mußte an diesem Tage einfach mal raus um auf andere Gedanken zu kommen. Also traf ich mich mit ein paar Freunden in der Palette in Halle. Wir wollten das einfach mal ausprobieren. Irgendwo mußte es ja auch etwas für unser Alter geben und da dies eine After WORK Party war nahmen wir also an, daß Publikum sei um die 30 bis 40 und wir hofften, daß das Ambiente ebenfalls zu diesem Alter passen würde. 

Das ist nun mal so, ab einem gewissen Alter steigen die Ansprüche. Da möchte man sich nicht nur mit einfach Disco zufrieden geben. Da braucht man außer Musik zum Tanzen auch noch Unterhaltung und stilvolles Ambiente.

Aber leider, leider, leider gab es keinen Unterschied zu den üblichen Diskos von anno dazumal. Nur das Publikum war zu einem kleinen Teil in unserem Alter. Der Rest hat wahrscheinlich noch nie gearbeitet, da ja in Deutschland Kinderarbeit verboten ist.

Somit hatte das Ganze für mich nicht wirklich etwas mit After Work Party zu tun - schade, denn ich denke in dieser Beziehung gibt es eine große Nachfrage. Und da man dieser großen Nachfrage hier in Halle irgendwie überhaupt nicht nachkommt haben wir auch eine hübsche Marktlücke die gefüllt werden möchte.

Wir, die Mittdreißiger sind eben jetzt nicht mehr so leicht zufrieden zu stellen wie früher als Teenager. Ja, das stimmt wirklich. Mann & Frau wächst raus aus solchen Dingen. Jetzt wollen wir Qualität und nicht mehr nur Lautstärke, die in das Hirn hämmert. Wir sind nun nicht mehr so leicht und trivial abzuspeisen. Wir wollen Konversation UND Tanz und wir wollen Leute treffen und Beziehungen knüpfen. Wie aber soll Mann & Frau Beziehungen knüpfen, wenn man sich nicht unterhalten kann? Ab einem gewissen Alter legt man nicht mehr soviel Wert auf niedliches Aussehen, da möchte das Gegenüber schon interessant sein. Aber wie soll man herausbekommen, ob das Gegenüber interessant ist, wenn man sich nur und gerade so mit Zeichensprache verständigen kann? Nein, ich glaube, ich brauche da eine andere Plattform.

Ich denke da an so etwas, wie die Jazz Kneipen in Dresden. Das hat mir damals sehr gut gefallen. Dort konnte man hervorragender Livemusik lauschen, sich mit Leuten treffen und neue Bekanntschaften schließen --> durch Konversation.

Mann & Frau konnte tanzen, wenn man mochte und es war eine wunderbare Atmosphäre. DAS hatte Stil und hat Spaß gemacht. Wo gibt es so etwas in Halle? Ich würde sogar bis nach Leipzig dafür fahren!

Die After Work Party in der Palette war nur laut, verqualmt und eng. Viel zu viele Leute auf einem Haufen, so daß man überhaupt nicht mehr tanzen konnte. Die Getränke waren zu warm und schmeckten nicht besonders. Man konnte niemanden kennen lernen, da man sich bei der Lautstärke nicht verständigen konnte, selbst wenn man sich noch so angestrengte.

Gut fand ich allerdings das Buffet. Sie hatten eine Reihe verschiedener Salate, die sehr gut schmeckten und für 5 EUR, was der Eintritt war, fand ich das ok. Der Aufbau war nicht sehr schön, da nicht genügend Platz zur Verfügung und ich denke, für die, die etwas später eintrafen gab es auch kaum noch Buffet. Was allerdings auch egal war, denn man fand dann sowieso keinen Platz mehr zum Essen. Die Räumlichkeiten waren einfach zu eng für so viele Menschen, kaum Sitzgelegenheiten, keinen Platz an der "Bar" und auch sonst keinen Platz.

Wir hatten zwar viel Spaß, aber das hatten wir nicht der After Work Party zu verdanken. Das hatten wir uns selber zu verdanken, weil wir eine lustige Truppe waren. Als wir gegen 22.00 Uhr ins Hallesche Brauhaus umgezogen sind, hatten wir den selben Spaß und noch einen guten Wein dazu..... UND erfrischende, inspirierende, Horizont erweiternde KONVERSATION!

Das Fazit also: Nie wieder!

Das Gute: Meine Gedanken waren wieder frei, da die laute Musik mein Hirn völlig durchgepustet hat und ich beim Tanzen wieder wachgerüttelt wurde von den Fantasien und dem Verlangen, welches mich so lange Zeit beschäftigt hatte.

Meine Wünsche diesbezüglich wurden an diesem Abend in der Palette begraben. Sie gingen mit mir hinein und blieben dort. Ich bin wieder der freie Mensch der ich vorher war, offen für Andere und offen für alle schönen Dinge in Leben. Die Liebe hatte mein Hirn vernebelt und die grauenvolle, laute Musik hat den Nebel wieder weggepustet. Machs gut mein Herzensschöner, vielleicht werde ich Dich und diese Fantasien vermissen!

Es war eine schöne Zeit mir Dir, eine Bereicherung auf der ganzen Linie und ich würde alles immer wieder so machen, denn ich habe es genossen - von ganzem Herzen und mit Haut und Haaren - dann jetzt ein Glas 2003er Portugieser auf unsere Freundschaft und alles Glück der Welt für Dich und mich! Prost! ... naja..... und by the way, ganz sicher würde so ein ganz unverbindliches Comeback meine Sinne beflügeln und erotisches Kribbeln in mir wecken, aber wohl nicht mehr meine freie, vergnügte Seele in einen Abgrund der Verliebtheit stürzen.

 

(Quelle: Flyer des neuen theaters)

 

 

Nachdem ich dann am dritten Tag nach der After Work Party mein Gehör wieder gefunden hatte, tappelte meine freie, vergnügte Seele zum nächsten Event ins "neue theater". Moderne Sterbehilfe in so erfrischender Weise rübergebracht, wie es nur das "neue theater" in Halle versteht. Diesmal auf der Hinterbühne des neu gepinselten Theaters.

Eigentlich ist es schade, daß die schönen alten Bilder nun alle verschwunden sind. Ich fand es immer sehr interessant zu sehen und auch Freunden zu zeigen, wie das "neue theater" aus einem Lichtspieltheater von damals entstand. - Vom Osten in den Westen, "die Wende" in allen Bereichen des Lebens, die Kultur nicht ausgeschlossen. -

Jetzt steht man in der Pause nur vor leeren Wänden - nichts mehr da zum ansehen, keine Vergangenheit mehr, keine Geschichte, ein Sein ohne Gedächtnis, ein Nichtsein - wirklich schade.

Warum denn eigentlich die Geschichte verdrängen? Nur weil Peter Sodann gegangen ist? Vielleicht sollte das "nt" mal rüber schauen zum Gewandhaus nach Leipzig. Die pflegen ihre Hallesches Brauhaus Oktober 2005 Geschichte und demonstrieren sie an ihren Wänden. Als Besucher schreiet man dort ehrfurchtsvoll vorüber und fühlt sich auf kulturgeweihtem Boden. Das war unsere Vergangenheit und wird es immer bleiben. Da gibt es nichts zu verstecken, da gibt es nur Dinge, wo man stolz drauf sein kann.

 

Nachdem wir satt und zufrieden vom leckeren HB Kartoffelauflauf aber dadurch etwas spät im "neuen theater" ankamen, waren die freien Plätze in den vordersten Reihen schon so gut wie besuchermäßig ausgeschöpft und uns blieben nur noch ein paar in der vorletzten Reihe.

Oben angekommen stellte ich allerdings fest, daß die Aussicht dort gar nicht so schlecht war - im Gegenteil, Frau konnte von hier oben sehr gut nach unten zur Bühne sehen. Und da wir schon spät dran waren dauerte es auch nicht laJoseph Kesselring (1902 - 167)nge bis das Theaterabenteuer begann.

 

Christian Weise und sein Team haben Joseph Kesselrings tragische Komödie mit sehr viel Witz gekonnt in unsere heutige hallesche Zeit transferiert. Ulrike Gutbrod stellte das passende Bühnenbild zur Verfügung und die Besetzung der Rollen war perfekt zusammengestellt. Hannelore Schubert und Marie Anne Fliegel waren als Anni und Martha Brauer für mich ein hervorragendes Paar und sie spielten erstklassig - und das meine ich wirklich so, wie ich es sage. Genauso auch Andreas Range als der Verrückte, in der Vergangenheit zum Oktoberfest 1973 stehen gebliebene Sohn Walter Brauer und der "Arzt" Dr. von Hagens (im Original Dr. Einstein) - René Marik. Die beiden waren einfach perfekt in ihrer Rolle und wen sollte es auch überraschen, Hilmar Eichhorn als Jonathan Brauer - hervorragend!!!

Sehr gut gefielen mir auch die beiden Polizisten (Danne Hoffmann und Yves Hinrichs) - das war perfektes schauspielerisches Können und hervorragendes Zusammenspiel. Das kann man einfach nicht besser machen. Und die Kostüme, vor allem das Yves Hinrichs der Polizistin und der beiden alten Ladys waren so was von brillant ausgedacht - sehr gut Frau Gutbrod!

 

René MarikWer kennt nicht diesen wunderbaren alten Film "Arsen und Spitzenhäubchen" mit Gary Grant? So herrlich, wie die beiden alten Damen ihren Neffen Mortimer erklären, wie die Leiche in die Truhe kam. Genauso auch in dem Stück im neuen theater. Mortimer, hier gespielt von Pascal Lalo, war genauso außer sich und fix und fertig über die 12 toten Herren im Keller und die Nummer 13 in der Couch und über die fürsorglichen alten Damen, wie Gary Grant im Film. Und mit was für einer Selbstverständlichkeit und Logik die beiden alten Damen ihm dann erklären wie sie einsamen, alten Menschen zum Besseren verhelfen trägt leider nicht sehr viel zu seinem Verständnis bei. Schnell schiebt er seine Hochzeit und Frau in den Hintergrund und versucht zu retten, was noch zu retten war. -- Eigentlich überflüssigerweise, denn die beiden Ladys waren bei allen beliebt, keiner würde auch nur im Geringsten den Verdacht hegen, daß in ihrem Keller 12 Leichen begraben waren und sie selber waren glücklich und zufrieden damit geholfen zu haben. Naja, die armen alten Männer, die jetzt da unten im Keller lagen, hätten vielleicht etwas dagegen gehabt , aber die merken das ja jetzt nicht mehr und im Übrigen hat der Holunderbeerwein geschmeckt. Also wozu soviel Aufruhe um nichts?

Die beiden Damen schauten sich an: "Warum ist Mortimer eigentlich so durcheinander?" " -- er hat geheiratet!".

 

 

Beunruhigend wird die Sache eigentlich erst, als Mortimers unheimlicher Bruder Jonathan ins Spiel kommt. Ein Windzug strich bedrohlich über die Bühne und ließ den Zuschauer schon Schreckliches ahnen.

Nach mehrmaligen Klingeln ließen die Damen den Gast auch hinein und erschraken. Vor ihnen steht Frankensteins Monster und ein schlaksiger, quirliger Bursche.

Ein paar Minuten später stellt sich heraus, daß Jonathan der andere Neffe und der schlaksige Begleiter sein Gesichtschirurg waren.

So und damit höre ich auf mit der Beschreibung des Stückes. Es ist viel besser ins neue theater nach Halle zu gehen um sich das Stück life und in Farbe anzusehen. Also auch hier jetzt  "schneller Vorlauf" - im Stück übrigens auch eine wunderbare Idee und herrlich gespielt - und Schluss!

Das war das Zweite sehr gute Stück dieser Saison und ich freue mich schon auf das Dritte.

 

 

Eure Jana