Das Wasser des Lebens
PROST! Wer von Euch hat denn schon mal einen Aquavit probiert?
- Ich in meinem ganzen Leben noch nicht, aber wie es aussieht muß das wohl ein
ganz interessantes Getränk sein, da so manche Finnen einen ganzen Keller voll
davon haben.
Nein, das ist ein bißchen übertrieben - ich habe gelernt, daß das wohl das Hausgetränk der Finnen ist und viele
Familien hauseigene Rezepte besitzen und es muß nicht immer Kümmelschnaps sein. Es
kommt jeweils darauf an, wie die Rezepte gerade so ausfallen. Die Familie in
dieser Geschichte hatte wohl ein sehr gutes Rezept, denn das Zeug ging weg wich
nix.

Ich war am Samstag zur Premiere des "nt" von "Asche und Aquavit", einem Stück von
Bengt Ahlfors. Noch nie gehört? Gut, ich auch nicht. Darum fand ich es auch sehr
interessant mal etwas von ihm auszuprobieren. Leider findet man weit und
Internet-breit kein Heftlein oder umfangreichern Hinweis zu diesem Stück. Somit konnte ich mich nicht
großartig vorinformieren. Doch, eine nette Gelegenheit gab es - der Verein "Freunde des
neuen theaters" organisierte ein Theaterfrühstück zusammen mit dem Regisseur
Andreas Knaup und Kristina Biedermann, die für die Kostüme zuständig war. Sehr
interessant, dacht ich mir, und nutzte die Chance etwas mehr über das Stück zu
erfahren. Normalerweise finden diese Theaterfrühstücke im Lesesaal des "nt" statt,
aber weil nicht so viele Gäste erwartet wurden, gingen wir ins nt-Café. Da ist es
sowieso viel gemütlicher.
Wie ich vermutete, war es sehr interessant den Ausführungen des Regisseurs zu
folgen. Er erzählte uns eine Menge, ohne zuviel zum Stück zu verraten - keine
Chance. Er könnte Politiker werden <grins>.
Es war eine gemütliche Runde und ich hatte sogar Gelegenheit ein paar Fragen
loszuwerden. Die Atmosphäre war angenehm und die beiden Theaterleute
sympathisch. Sonst kenne ich das ja nur von London und da ist es immer schwierig
so richtig ins Gespräch zu kommen, da mein Englisch leider für einige
Diskussionen nicht immer ausreichend ist. Somit habe ich diese neue Gelegenheit genutzt und genossen. Vielen Dank an die Dame, in unbekannter Weise,
die dieses Frühstück organisiert hat. Es ist sehr gut gelungen und ich kann es
jedem weiterempfehlen der interessiert ist etwas mehr Hintergrund zum Thema
Theater zu erfahren. Wirklich eine nette Idee und ich freue mich
schon auf das Nächste.
Vor unserem diesmaligen Theaterbesuch waren wir, wie immer im "Las
Salinas" essen. Ich denke, ich kann das Restaurant ab jetzt getrost zu meiner
"Stammkneipe" erklären. Vielleicht bekomme ich auch irgendwann einmal Rabatt.
Das Essen war wie immer perfekt und der Rotwein wie immer lecker. Wir hatten
genügend Zeit für einen Schwatz und da es in der "Kommode" feste Plätze gibt,
konnten wir uns auch Zeit lassen gemütlich zum Theater zu tippeln. Bei Frauen
ist das nämlich immer so eine Sache, wegen der Hackenschuhe. Da
Pfennigabsätze jetzt wieder in Mode sind, hat Frau es nicht einfach zwischen dem
wunderschönen alten Kopfsteinpflaster nicht in dessen Zwischenräumen zu
versinken.
Wir hatten die besten Plätze im ganzen Saal - wenn ich etwas tue, dann tue ich
es richtig - und der Abend schien bis jetzt perfekt. Kein Wunder, es war ja auch
der Welttheatertag! Somit ein Prosit, mit oder ohne Aquavit, auf alle
Theaterleute. Ohne Euch wäre das Leben nur halb so schön!
Die Premiere war wie immer ausgebucht und diesmal traf man dort nicht "nur" Regisseur und Theatercrew, sondern es war auch der Autor höchstpersönlich anwesend. Finde ich einen netten Zug von ihm, extra aus Helsinki wegen der Deutschlandpremiere rüberzukommen.
Das Stück ist von vorn bis hinten sehr gut
durchdacht.
Jedes Wort ist sinnvoll, keines überflüssig.
Die Handlung ist
perfekt, vom ersten Akt, wo das Desaster vorgestellt wurde, über den zweiten
Akt, der die Trauer der Witwe und einige wichtige Informationen sehr gut rüber
brachte bis zum dritten Akt, wo eine Verwechslungskomödie den ganzen Saal zum
Lachen brachte. Leider konnte ich mir nicht alle dieser
wundervollen Wortgefechte merken. Aber schön war z.B. die Bemerkung der Frau
Oberst, welche die Hauptperson dieser Handlung ist, zu ihrer Tochter über die
vielen Kinder, die sie hatte: "Geschenke Gottes? Du kannst Gott ja nicht alles
in die Schuhe schieben." oder "Die Geschenke Gottes sind ja bei Ihren Vätern."
Herrlich, der erste Akt ist klasse und wir haben wunderbar gelacht. Obwohl es eigentlich nichts zu lachen gab bei
solch traurigen Familienverhältnissen.
Da ist zum einen die
Frau Oberst, die ihren Mann verloren und ihn in seiner Urne mit nach Hause
genommen hat:" Eigentlich bist du ja noch da, nur in einer anderen Form."
und da sind zum anderen ihre bemitleidenswerten Kinder, die sie entmündigen
lassen wollen um an ihr Geld heran zu
kommen. Der Sohn, ein arbeitsloser Architekt und
Säufer: "Was hat ein
arbeitsloser Architekt denn schon zu tun?" und als er eine Bar entwerfen sollte:
"... er hat ja genügend Feldstudie betrieben." - Ich finde Peter W. Bachmann hat
ihn sehr gut dargestellt. Er sah so furchtbar aus mit diesen langen Haare, aber
es paßte perfekt zu der Rolle. Sein torkeln und die Mimik dazu waren goldig. Nur
eins: Beim ersten Schluck Aquavit verzog er als Säufer so daß Gesicht, daß es
selbst mir übel wurde. DAS passt vielleicht zum 'feurigen
Liebhaber', da der ja
kaum Alkohol angerührt hat, aber doch nicht zu einem Säufer."Neenee, Herr
Bachmann, nie im Leben verzieht ein Säufer so das Gesicht bei dem bissel
Alkohol. Wohl nicht genügend
Feldstudie betrieben?" ;-)
Dann war da noch seine geschiedene Frau Ester, gespielt von Petra Ehlert. Ich finde sie
jedes Mal erstklassig. Sie bringt diese kleinen Spitzen so herrlich rüber und
kann so wunderbar mit den Augen rollen. - Ich
finde überhaupt, daß sie diesmal die Darsteller sehr gut ausgesucht haben. Auch
Barbara Zinn als Annika Malmgren, die Tochter der Frau Oberst, spielt
hervorragend. "Mache die Augen zu, ich habe eine Überraschung."
"Du bist schon
wieder schwanger?" - herrlich, nein, diesmal gab es nur einen Brotbackautomat
für ihre Mutter. Wie kommt der Autor nur auf solche Ideen?!
Tochter und ehemalige Schwiegertochter liefern sich die schönsten
Wortgefechte, nur als es um
ein gemeinsames Ziel geht arbeiten sie zusammen: "Pack schlägt sich, Pack
verträgt sich." Der Sohn schwankt von Auftritt zu Auftritt mehr und
weiß gar nicht so recht, was die beiden Damen von ihm wollen.
Dann gibt es da noch diese schrille Putzfrau Kirsti Lindholm. Was für ein
interessantes Outfit, aber durchaus passend. Sie wird sehr gut durch Monika
Pietsch dargestellt.
Marie Anne Fliegel spielt die Frau
Oberst. Meiner Meinung nach ist sie in ihrer Rolle die beste des ganzen Stückes.
Sie spielt wunderbar. Genau so würde ich mir auch eine Frau Oberst vorstellen und
sie sah gut aus. Die Frisur saß und die Ko
stüme paßten sehr gut zu ihrer Rolle.
Einfach perfekt. - Apropos Kostüme. Das Team hat sich sehr viel Mühe gegeben und
die Kostüme gefielen mir sehr gut, aber eins verstehe ich nicht. Das Stück
spielt an zwei Tagen, warum läuft eine Dame wie Ester Mickelson am zweiten Tag
immer noch mit dem selben Outfit herum, welches sie einen Tag vorher zur
Beerdigung trug? Bei dem Säufer kann ich ja noch verstehen, daß der in seinen
Klamotten geschlafen hat und sie vielleicht deshalb nicht wechselt und bei der Putzfrau - ok - das sind halt
ihre Putzklamotten, aber bei dem Rest der kleinen Crew, hätte es wohl einen
Wechsel geben sollen. Bis auf unsere Frau Oberst, die sie sehr gut angezogen
haben, blieben die Damen nämlich in ihrem Beerdigungsoutfit vom letzten Tage. Und wo ich
gerade beim Meckern bin. Was sollte das mit dem
Bühnenbild? Das ist doch wohl
kein Wohnzimmer, wo ein Ehepaar seine Abende verbringt?! Die Tapete war ja
niedlich, der Kamin sehr schön und der Sessel davor sah gemütlich aus, aber wo
war der Platz der Ehefrau? Und warum waren sie so karg eingerichtet? Was sollte
der Eßtisch im Wohnzimmer, wo sie doch ein Eßzimmer haben?
Das Bühnenbild ist wirklich sehr sparsam. Es ist nichts da, was erkennen läßt, daß zwei Menschen
dort gelebt haben.
Und was ist das für ein Bug mit der Kamee Brosche? AUTSCH! Wie kommt die denn
auf den Stuhl, wo dieser doch fast die ganze Zeit hochgestellt ist? Und vor
allem Herr Bachmann noch vorher darauf gesessen hatte?
"Man muß sich nicht eine ganze Woche mit der Auswertung des Stückes plagen" -
Naja Herr Regisseur, ich glaube, da bin ich nicht ganz Ihrer Meinung. Das Stück
hat schon eine Menge Potential und ich meine, vielleicht hätten sie sich ein
klein bißchen mehr plagen mögen, dann wäre Ihnen so manch kleiner Fehler nicht
unterlaufen - sorry, für meine freche Meinung. Ich hoffe Sie verzeihen mir.
Übrigens, finde ich, gib es eine ganze Menge darüber nachzudenken. Eigentlich
sind das doch ganz furchtbare Familienverhältnisse. Es hat mich beeindruckt, wie
der Autor es geschafft hat, das Publikum mit so einen traurigen Stoff noch zum
Lachen zu bringen. Meine Hochachtung! Denn eigentlich ist es doch ein
Trauerspiel. Der Herr Oberst ist gestorben, und läßt seine Frau zurück, die sich
jetzt einsam fühlt. Ihre Kinder sind nur hinter ihrem Geld her. Der Sohn säuft
und hat es zu nichts als Schulden gebracht, für die er nicht einmal gerade
stehen will. Die Tochter bekommt ein Kind nach dem anderen von verschiedenen
Männern und hat nichts besseres zu tun, als ihrer Mutter technisches Zeug zu
schenken als Ersatz dafür, daß sie sich über Jahrzehnte nicht bei ihr blicken
ließ. Die Schwiegertochter versucht auch noch etwas vom Kuchen abzubekommen und
das Ganze mündet in Beleidigungen und Streit. Was mit der Putzfrau ist erwähne ich hier
nicht, damit ich nicht alles verrate. Es gibt eine traurige Liebesgeschichte,
tragisch gescheiterte Ehen. ABER! Immerhin ei
n nettes Happy End. Also was heißt
hier, es gibt nichts darüber nachzudenken? Ich denke schon, daß so mancher sich
dort wiedererkennt und selbst ich beschloß meine Eltern wieder öfter zu
besuchen.
Ach ja und dann war da noch der Psychiater, diesmal gespielt von Andreas Range. Seine Mimik zu diesem Chaos war
herrlich und
das Outfit mehr als passend. Und er verstand überhaupt nicht, was Ester da
eigentlich von ihm wollte, bezüglich der Frau Oberst und bezüglich anderer Dinge
... wie Skifahren ;-) "Haben sie schon öfter von Tapeten und ihrer
Schwiegermutter geträumt?" Tja Ester, die Aktion ging wohl nach hinten los.
Viktor ging es mit den Tapeten und psychiatrischer Begutachtung
auch nicht
besser und dabei wollte er doch nur "Hallo" sagen. Na wenigstens wußte der, was er wollte und
durch ein kleines hin und her mit Aufklärung bekam er letztendlich auch was er
wollte und was mich freute, denn ich liebe Happy Ends.
Tja und da das Ende des Stückes happy war, die Geschichte brillant und die Schauspieler erstklassig, waren auch wir zufrieden. Und da so viel von Aquavit gesprochen wurde zog es uns zu einem kühlen Bier in Strieses Biertunnel.
.... und wieder PROST!
Eure Jana