
"Wien liegt am Kreuzungspunkt zweier uralter Verkehrsadern von überragender Bedeutung: der Wasserstraße der Donau und des Landweges von Venedig an die Bernsteinküste; die Donau erschließt der europäischen Mitte die Länder des Balkans, und die Bernsteinstraße verbindet Mittelmeer und Ostsee."* So beginnt eine interessante Trilogie in Buchform, die ich auf einem kleinen Flohmarkt an einem Nebenkanal der Donau gefunden habe und welche den kuriosen Titel: "Wien, Die Geschichte einer deutschen Großstadt an der Grenze" hat.
Also DAS war schon
sehr sonderbar zu lesen und fesselte meine Aufmerksamkeit. Wer hätte gedacht,
daß die Wiener so
etwas aufgehoben haben, wo sie doch gerade mal 2588 Tage**
eine "deutsche Großstadt an der Grenze" waren. Aber immerhin hat der "Verein für
Geschichte der Stadt Wien" es geschafft, in so kurzer Zeit mal schnell drei Bände
dieser dunklen deutschen Geschichte "im Todesreich Adolf Hitlers"** nieder zu
schreiben.
Es ist interessant, die unterschiedlichen Sichtweisen der geschichtlichen Abrisse zu lesen: 1940/ 41/ 44 zu 2006... und wie doch jeder so seine Standpunkte hat. ... und wenn man so durch die geschichtlichen Jahrzehnte blättert, gibt es doch in jedem genügend Mord und Totschlag für die nächsten Jahrhunderte. Wo zieht man da einen Strich des Entsetzens? Da, wo die effektivsten Waffen erfunden wurden? Oder da, wo Menschen schon immer, wie jetzt auch, brutal und rücksichtslos gegenüber anderen vorgingen? Ganz früher halt im kleinen Maßstab, da die Technik noch nicht so weit entwickelt war und später dann eben im großen. Gut, sei's drum. Im Hier und Jetzt jedenfalls gehört Wien zu Österreich und ist eine der faszinierendsten Städte, die ich kenne. Hauptsächlich auch des Kulturangebotes wegen. So auch in dieser Sommerpause. Die deutschen Theater schließen ihre Pforten und Wien öffnet so manche z.B. für ein grandioses, ja, ein überaus grandioses Klavierkonzert.
Diesmal verbrachte
ich wieder ein paar freie Tage bei Hapimag in Wien und genoss einen
Klaviersommer in der schönen, alten Wiener Hofreitschule. Die Pferde waren auf
Urlaub und so nutzte man die Gelegenheit, um weltspitze Pianisten zu einen Stelldichein
an historisch beschaulichem Platz zu überreden. Der erste Wiener
Klaviersommer ward somit geboren
und ich wohnte diesem bei. Zwei Konzerte
mussten sein und drumherum ein bisschen wunderschönes Wien per Pedes und so
manchmal und ab und zu geheimnisvolle Winkel, die zu erkunden eine gewisse
Spannung und einen guten Kneipenausgang (oder -klang) mit sich brachte.
Starr vor Faszination und immer noch mit erschauerlicher Erfurcht sitze ich hier und denke an das grandiose und unbeschreiblich gute Konzert von Fazil Say zurück. Es ist schier kaum zu glauben, dass ein Klavierkonzert so brillant und perfekt sein kann. Ich hörte schon einer Menge Klavierkonzerte zu und alle waren sehr, sehr gut, aber das hier war absolute Spitze und unbeschreibliche Extase. Es war einfach überirdisch. Der Mann ist ein Genie, ein überirdisches Genie. Befinden wir uns jetzt bei Douglas Adams und außerirdischer Performance. Arbeiten wir uns gar an die Antwort aller Fragen heran? An die Antwort 42?
84 Tasten eines Klaviers lassen sich auch durch 42 teilen. Nagut, leider hat das Klavier 88 Tasten, schade, denn das würde sonst so gut passen.
Douglas Adams ist schon ein kurioses Genie, aber das steht ja hier nicht zur Debatte, auch, wenn ich bei meinen Exkursionen durch Wien bei einem Klavierbauer mit netten Ausstellungsstücken vorbeigekommen bin. Nicht nur die Querschnitte der Klaviere schienen futuristisch, noch mehr schien es ein Objekt in der Kaserne der Stiftgasse. Unbeschreiblich dominant und nur von einem Punkt aus so richtig wahrzunehmen. Bombastische Wiener Verstecke oder versteckt in Wien. Eine Festung hinter hübschen Häuserreihen. Ein gewaltiger Blick und Blickfang im 6. Wiener Bezirk "Neubau".
Nach gründlicheren
Nachforschungen stellte sich heraus, dass dieser fast genau zur Zeit wie auch das
vorher beschriebene Buch entstand und eigentlich keine wirkliche Festung, sondern einer von
6 Flaktürmen war, die die Innenstadt von Wien vor Luft- bzw. überhaupt vor
Militärangriffen schützen
sollten. Wo Albert Speer in Berlin noch Zeit und Platz hatte, die gigantischen
Türme an das Stadtbild anzupassen, wurden sie in Wien einfach platziert, wo
Platz war und ragen noch heute wie Ungetüme aus Park und historischen
Häuserreihen. Friedrich Tamms hat in seinem Design vortreffliche Arbeit
geleistet, beeindruckende Monster der Baukunst ragen hinter zarten Fassaden der
Wiener Altstadt hervor und dieser hier dominiert gewaltig zwischen den hübschen
Häuserreihen der Stiftskaserne gleich neben der Spittelberger Shoppingmeile.
Von historischen Häuserreihen und Häusern gibt es eine Vielzahl in Wien. Einige der hübschesten Häusergruppen sind wohl die um die Hofburg, wo auch die Spanische Hofreitschule dazuzuzählen ist, was der eigentliche Mittelpunkt meines diesmaligen Wienbesuches war. Der erste Wiener Klaviersommer suchte sich die Hofreitschule als Podium der Musik und vollbrachte ein grandioses Musikfest in ihr. Ich genoss zwei Abende dieser musikalischen Reise im Pferdehaus und war überaus begeistert von der Idee und den Künstlern.
Fazil Say spielte Bach, Beethoven und Mussorgski in seiner extravaganten und überaus brillanten Weise, das selbst mir der Atem wegblieb. Seine Bach Bearbeitung der Passacagila in c-Moll war unglaublich und ich war sehr zufrieden, mir diesen Luxus gegönnt zu haben.
Wie der brausende Applaus am Ende zeigte, war nicht nur ich überaus zufrieden, sondern auch der Rest des leider nur zur Hälfte gefüllten Saales der Pferdearena mit Rangsitzplätzen. Fazil Say hatte soviel Power und brachte diese Energie in mindestens 4 Zugaben immer fordernder rüber. Er überzog seine Zeit schonungslos und die Menge tobte. Sein Türkischer Marsch galoppierte in einer rasenden Geschwindigkeit über die Zuhörer hinweg, die begeisternd diesem Gefecht lauschten und mit immer lauter und mitreißender werdenden Beifall honorierten. So ein Konzert sollte man einfach nicht verpassen. Ich hoffe sehr, daß ich ihn mal in meinem kulturellen Umfeld erleben kann, aber leider steht in seinem Konzertplan noch nichts von Leipzig, Halle oder Dessau. Was für eine Schande!
Nur Berlin hat ihn
nicht ausgesperrt. Im Mai dieses Jahres war er dort und wie es aussieht wird er
auch genau am Marathon Wochenende, dem 29./30.09., im Konzerthaus spielen,
zusammen mit dem Konzerthausorchester Berlin, unter Leitung von Lothar Zagrosek
und dem Titel "Klangreise Orient-Okzident". Das ist sehr passend für meine
Terminplanung, da ich ja beim Marathon mit meinen Skates dabei sein werde und
somit Wert anzudenken.
Mein zweites
Highlight für diesen Wiener Klaviersommer war ein Late Evening Jazz Concert mit
Gonzalo Rubalcaba. Nuuuuuuuun jah.... klanglich einwandfrei und sicherlich auch
perfekt und überaus sauber gespielt, aber irgendwie bin ich wohl kein großer
Kenner von Late Evening Jazz Concertos. Leider konnte ich der ganzen Sache nicht
allzu viel abgewinnen. Allerdings, wenn ich mir vorstellen würde, ich säße in
einer kubanischen Nobelbar, bei einem guten Glas Cuba Libre oder anderem diversen
kubanischem Rum Mixgetränk, so mit netten Leuten um mich herum, oder zusammen
mit Humphrey Bogart in "Rick's Café Américain" in Casablanca und hinter mir, im
Hintergrund spielt jemand Klavier, dann wäre dieser Jazz genau der richtige
dafür, brillant bis perfekt für so eine Szene. Aber hier in der Pferdehalle
fehlte einfach irgendwie die Atmosphäre für solch ein Konzert, oder der Cuba
Libre.
Diese Sache gut
überstanden, zog es uns late Night durch die nächtlichen Straßen von Wien,
wieder zurück in unsere hervorragende Unterkunft bei Hapimag. Diesmal, weil die
alte Tour schon langweilig wurde, mit einem kleinen Umweg über den Karlsplatz.
Naja, und außerdem gab es da in der Nähe bzw. auf diesem Weg eine ganz hübsche
Kneipe, die late Night noch etwas für unsere hungrigen Mägen hatte. Unsere
hungrigen Mägen vergaßen sofort den Hunger und unser Hirn noch schneller das
Konzert, als wir von weitem, zum Karlsplatz blickend, merkwürdige Schrift,
gemacht aus Wasser, zu erkennen glaubten. Tropfen tröpfelten hinunter und
schienen (so von Weitem) einzelne Wörter zu ergeben. DIES erachteten wir als
interessant und nachforschungswert und machten uns alsdann auf den Weg, das
Geheimnis zu erkunden. Ja, und siehe da, dort hinten am Karlsplatz tröpfelten
die neusten Nachrichten in Form von Wassertropfen hinunter und verschwanden so
schnell, wie sie entstanden waren auch schon wieder im Kies. Tja, so ist es mit
den Nachrichten eben. Nichts hat Bestand. Kaum gehört und drüber aufgeregt und
schon wieder im Nirwana
verschwunden, Naja, oder eben im Kies. Eine Newspaper aus Wasser, ein Kunstwerk!
Ein Kunstwerk des Künstlers Julius Popp mit dem Titel "Bit.Fall" gehörig zur
Kunsthalle Wien. Sehr beeindruckend so late Night in Wiener Atmosphäre.
Ein weiteres beeindruckendes Kunstmuseum, was hier Erwähnung finden sollte, ist das MAK = Museum für Angewandte Kunst Wien.
Aufmerksam darauf
wurden wir durch einen extravaganten Abriss des Fensters, welches einer Tür
weichen musste. Eine hervorragende Idee bezüglich Veränderung denkmalgepflegter
Fassaden und EIGENTLICH wollte ich hier nur die Toilette
besuchen und bin dann doch länger geblieben. Denn schon die Toiletten hier waren
sehenswert. Das macht Interesse nach, bzw. Appetit auf mehr (sofern man das von
Toiletten behaupten kann). Naja, und da der Appetit allerdings größer
war, als das Kunstverständnis, zog es uns erst mal in das ihm anhängliche
hervorragende Restaurant. Draußen im Garten konnten wir beim Genuss von
erstklassigem Wein und wohlschmeckendem Essen gemütlich von der Wanderung durch
Wien ausruhen. Ein bisschen dem Ambiente entsprechendem Kulturpalaver und ja, da haben
wir es wieder, so ganz nebenbei erwähnt beim Kulturpalaver, gehört der Gefechtsturm Arenbergpark,
einer der 6 oben Genanten, auch zum Ausstellungsumkreis des MAK. Ich denke bei
meinem nächsten Wienbesuch werde ich der Flakturmsache mal ein bisschen mehr
Aufmerksamkeit zu schenken gedenken. Ich würde sagen mit dieser Sache kann man
gut und gern einen ganzen Bericht füllen, was ich hier und jetzt aber nicht
möchte, da mein Augenmerk diesmal eigentlich zum größeren Teil dem Dessauer
Saisoneröffnungskonzert und zu einem Kleineren dem Wiener Klaviersommer
gewidmet ward und ich schon gewaltig davon abgedriftet bin.
Ich werde versuchen mich zusammenzureißen, allerdings..... da wir ja nun Trompetentechnisch etwas vorbelastet sind und an diesem Abend noch nichts weiter zu tun hatten, gaben wir der Einladung zweier Damen in der Wiener Kärntnerstraße nach und besuchten ein Konzert für Orgel und Trompete in der Malteserkirche zum heiligen Johannes dem Täufer.
Kaum zu glauben,
daß so eine wunderschöne alte Kirche so mitten in dieser lauten Einkaufsstraße
von Wien existiert. Wenn man von diesem Chaos einer der belebtesten
Straßen Wiens eintritt in die Ruhe dieser Kirche, meint man in eine andere Welt
gesprungen zu sein. Ein hübsches, kleines Ding und durchaus sehenswert. Mit
Weihrauch in der Nase suchten wir uns einen guten Platz und harrten der Dinge,
die da kommen sollten, oder besser, wir warteten zusammen mit ein paar anderen
Probanten auf die beiden Hauptakteure dieses Abends. Freddy Staudigl, der
Trompeter, und Thomas Dolezal, der Organist, betraten das Geschehen und boten
uns ein hübsches Konzert mit verschiedenen sehr hörenswerten Passagen. Ich
kann jetzt nicht sagen, daß es mich total umgehauen hätte, aber es gefiel mir
gut: das schöne ruhige Ambiente und ein gutes, sauberes Spiel mit Trompete und
Orgel und allerhand Komponisten, von denen ich noch nichts gehört hatte.
So ist also Wien, durch und durch ein absolut kulturelles Highlight und zu jeder Zeit und in allen Beziehungen zu Empfehlen.
Ebenfalls zu empfehlen und mit dem diesmaligen Programm wohl auch in allen Beziehungen, ist ein Besuch im Anhaltischen Theater Dessau.
Am 1. September war ich zur Saisoneröffnung der Spielzeit 2007/ 2008 und konnte mir gemütlich in der gelben Sonne sitzend ein Bild von den uns für diese Saison bevorstehenden Anhaltischen Kulturereignissen machen.
Die Sonne strahlte
golden vom Himmel, (oder eben gelb, wegen dem Dessauer
Farbfest, was sich diesmal
die Farbe "gelb" als Ziel gesetzt hatte,) und der gelb geschmückte Theaterplatz
füllte sich langsam mit mehr oder weniger gelb markierten Menschen. Sie
schwatzten, tranken gelbes Bier, lachten und aßen gelbes Eis, welches vom neuem
Bürgermeister im hübschen Outfit eiskalt serviert und vom Verwaltungsdirektor
des Anhaltischen Theaters
, Joachim Landgraf, heiß empfohlen wurde. Wir
entschlossen uns dann doch eher für ein Glas roten Weines und da roter Wein und
gelbes Eis sich
nicht verträgt, ließen wir lieber das gelbe Eis weg. Damit waren wir zwar nicht
farbkonform, aber Eis ist eben nicht jedermanns - bzw. Fraus Sache. Die
meisten Jedermänner und - Frauen zogen somit dem gelben Eis auch eher ein
knusprig braunes und goldengelb gegrilltes Steak bzw. Würstchen vom heißen Grill vor.
Nagut und wie dem auch sei, langsam formierte sich die Bühne vor dem
Anhaltischen Theater und die Zuhörer vor der Bühne oder mit diversen
Klappstühlen und anderen Sitzmöbeln noch davor. Die
Saisoneröffnungsveranstaltung des Anhaltischen Theaters Dessau und somit auch
das Einläuten des gelben Farbfestes konnte alsgleich beginnen.
Ronald Müller gab den redetechnisch- dramaturgischen Einstieg und die Anhaltische Philharmonie nebst Markus L. Frank schmetterte uns die Ouvertüre zum "Opernball" genuss- und sehr taktvoll entgegen. Die Umherziehenden gelb markierten Menschen blieben stehen und lauschten den bekannten Operettentönen. Wir saßen gemütlich in einer der vordersten Reihen und freuten uns auf das noch folgende Programmpotpourri durch die neue Saison.
Der Einstieg mit einer Operettenouvertüre ward gut gewählt und gelungen, denn so verschreckte man nicht gleich die ausversehen in der Gegend umherstreunenden gelben Besucher, bzw. Nichtklassikfans mit schwerer Kost.
Die wunderhübsche Viktorija Kaminskaite präsentierte uns ein paar Augenblicke oder hier besser Taktschläge weiter königlichen Gesang als Titania im Stück zum Stück Mignon. Das waren wunderschöne Töne in wunderschönem Ambiente zum Farbfest und bei wunderschönem goldigem Farbfestwetter - völlig klar, daß die Sonne golden leuchtete, denn auch sie wollte die Farbe des diesjährigen Farbfestes repräsentieren, war ja schließlich auch gelb und passte zu gelbgoldener Herbstsonne und goldenen Stimmen.
Im hübschen, nein nicht
gelben, sondern pinkfarbenen Kleid, mit toller Figur und wunderbarer Stimme,
stimmte uns V
iktorija Kaminskaite
wunderbar auf die neue Saison und auf
Mignon, das Teil mit den gelben Zitronen, was
besonders zu empfehlen ist, ein. Selbst Markus L. Frank zollte ihr gebührenden
Beifall und höfliche Aufmerksamkeit. Also meine lieben Kulturfreunde und die,
die es gern werden möchten: die erfolgreiche Auskoppelung aus goetheschen
Wilhelm Meisters Lehrjahre steht wieder auf dem Dessauer Plan und sollte
angeschaut werden, denn es lohnt sich....... wer neben Herrn Goethe auch noch
roten Mohn mag, sollte es sich erst recht anschauen ;-)
Wieder erscheint Ronald Müller auf der Bühne und spricht gute Worte mit Erklärung zum Nachfolgenden in das gelbe Mikrophon "Gelb allein macht nicht glücklich." ... aber mit guter Musik zusammen schon, oder? Im Orchester blitzte hier und da ein gelber Schlips oder gelbes Accessoire an so manch hübscher Violinistin. Das Orchester hat sich sozusagen eingepasst in die gelbe Atmosphäre, was mir sehr gut gefiel. Mit leuchtend herbstlichem Gelb geht es über zu düsterem Shakespeare. Also da hat das Anhaltische Theater nicht aufgepasst. Die Farbe Schwarz war jetzt noch nicht dran. Aber gut, wollen wir es dem Dessauer Ensemble noch einmal verzeihen, denn in jeder Farbe ist ein bisschen gelb und dieser Macbeth ist ja auch erst die zweite Einspielung nach der erstmalig 1935/36 in Dessau aufgeführten Oper. Wurde also langsam mal wieder Zeit und wer weiß, wie lange es noch dauern würde, bis schwarz mal an die Reihe käme.
Am 13. Januar 2007 gibt es also somit die
Premiere zu Verdis Macbeth und ich denke, darauf können wir uns schon freuen.
Für mich persönlich ist Macbeth eines meiner liebsten Shakespeare Stücke und ich
bin gespannt, wie Johannes Felsenstein das umsetzt. Golo Berg jedenfalls schwang
einen interessanten
Taktstock zu grandioser Musik und
Pieter Roux als McDuff
wirkte sehr
passend in dieser Rolle. Der Britte Mark Bazeley, damals zu meinem ersten Londoner
Macbeth, war zwar jünger aber kaum schottischer
als Mr.
Roux und Ulf Paulsen als Macbeth gab wie
immer eine sehr gute Figur und war stimmlich ohne Zweifel hervorragend - tolle Musik
also und perfekte Besetzung. Die hübsche Iordanka Derilova im tollen
Kleid mit funkelndem Geschmeide war zwar wieder nicht ganz so deutlich für mich, aber
stimmlich genial - also kurz: Macbeth ist unbedingt empfehlenswert! Sogar Golo Berg hatte diesmal
blitzend geputzte Schuhe (nicht gelb, aber schwarz) und war voll dabei mit seinem Dessauer Orchester.
Helmut Sonnes phantastischer Chor sang phantastisch zu
phantastischer Verdi Musik und einem brillantem Pieter Roux. Was sollte man da
noch mehr an Kostprobe hören wollen um sich für diese Opernaufführung am
Anhaltischen Theater zu entscheiden. Da gibt es nichts mehr. Das war die
Perfektion pur. Selbst Karl-Heinz Paqué nebst Frau und
sämtliche Dessauer Hautevolee gaben sich begeistert.
Norbert Leppin, mit gegen Pieter Roux zarter Stimme, aber zusammen einem sehr schönen Duett versuchte mit dem Chor das Vaterland zu retten und das Theater versucht mit solch grandioser Musik die Kultur zu retten und die gelben Leute um sie herum zu einem Besuch zu bekehren. Die Darsteller und das Orchester legten sich somit ins Zeug und waren so gut wie nie.
Es gab weiterhin eine gute Vorschau auf Dido und Aeneas, die Aufführung, die im Wörlitzer Park auf der Insel Stein stattfindet und Golo Berg berichtete über seine Eindrücke bei der Premiere.... Mücken... Regen ... niedrige Temperaturen... Sehr schön Herr Berg, wir haben gelacht und wünschen Ihnen für die Vorstellungen im Sommer 2008 das beste Wetter aller Zeiten mit herrlicher goldgelber Sonne.
Noch besser war Frau Noack mit hübschen
grünen..... naja, lassen wir es mal gelten... ins gelbliche übergehendem Kleid.
Barock Musik in Dessau ist nicht das selbe, wie Barock Musik in Halle, aber
trotzdem überaus hörenswert.
Golo Berg am Cembalo,
diesmal überdacht, naja, und wie gesagt, Sonne, kein Regen, da gelbes Fest.
.... hmmm, nicht, wie letztes Jahr mit Regen, aber gut, da war ja weiß an der
Reihe und wir sollten froh sein, daß es nicht geschneit hat! Da es auch diesmal
nicht geschneit hat und die Sonne so manchmal vom Himmel strahlte, war die Sais
oneröffnungsveranstaltung wieder sehr gut besucht - war ja auch toll, wie
immer - Norbert Leppin, diesmal ohne
Schiffchen, aber mit guter Stimme und schwungvoller Purcell Interpretation sang
zusammen mit dem Chor Purcells Seemannslied....... auch wenn wir diesen
Strand nie wieder sehen..... Wer ihn wieder sehen, oder überhaupt mal sehen
möchte, sollte dies Anfang Juli im Wörlitzer Park tun. Es lohnt sich.
Mozart... Mozart ... Mozart ... 2 von 3 Opern sind wieder im neuen Spielplan des Theaters. Die allseits beliebte "Zauberflöte", die schon weltweit laut Werk Statistik 756 Aufführungen hinter sich gebracht hat und der mir persönlich viel besser gefallende "Don Giovanni".
Bärbel Hoffmann an der
Mandoline zu Don Giovannis (Ulf Paulsen) Lockgesang ... ach komm doch ans
Fenster... die verruchte Ausziehszene allerdings haben sie in der Öffentlichkeit
etwas abgespeckt... tztztz... liebes ATD...... süß errötende Wangen....
jaja, völlig klar warum.... ok, nicht bei der Kälte hier draußen, a
ber drinnen im
Stück schon, zumindest bei der Premiere noch.
Die drei blonden Engelchen, zusammen mit Pamina und der Knaben wegen seufzendem Publikum waren wieder hervorragend. Die Kleinen (Tom Biermann, Lukas Hippe und Sebastian Kawa) schienen zwar niedlich, aber gaben sich sehr professionell. Ich hatte den Eindruck, das Publikum verkante mit seinen Äußerungen, wie "ach wie süß" komplett die Lage. Die kleinen waren nicht "ach wie süß", sondern hervorragend wie die Profis, stimmlich wie darstellerisch perfekt!
Die Kleinen leiteten Cornelia Marschall gut ins Leben zurück. Gerettet! Mal keinen Selbstmord in Liebesangelegenheiten wie beim ollen Goethe zum Saisonabschluß in Wien. Nein, bei Mozart gibt es ein Happy End für alle Beteiligten.... zwei Herzen, die vor Liebe brennen... jaja... immer das selbe, aber isses nicht schööööööööön? Also wieder ein Grund in die Oper zu gehen.
Noch ein Grund i
n die Oper zu gehen könnte
dieses Jahr auch "Hänsel und Gretel" sein. Hänsel und Gretel kehren mit der
Premiere am 21. Oktober zurück. Ronald Müller meint, daß Engelbert Humperdincks
Märchenoper nicht unbedingt ein Weihnachtsmärchen ist, aber trotzdem irgendwie
etwas Weihnachtliches aus Dessau ist. UND! Keine Oper nur für Kinder: "...
Märchenoper liegt nicht unter der Würde eines Menschen, der die Volljährigkeit
bereits erreicht hat." so Ronald Müller.... allerdings überzeugt mich der
Sandmännchen Song da nicht so wirklich und vielleicht auch nicht so gut
ausgewählt für diesen Abend, wo wir doch jetzt nicht schlafen, sondern
anschließend noch zusammen mit dem gelben Farbfestzug zum Bauhaus marschieren
wollten. Ok, die Musik dort wird uns wieder wecken und lieber Sandmann, an
diesem Abend will ich erst mal nicht so schnell schlafen gehen! Der Abendsegen
ist ok und die Stimmen der drei Damen waren super. Vielleicht versuche ich die
Oper mal, denn sie soll ja wirklich sehr schön sein und WIRKLICH nicht nur etwas
für Kinder.
Als nächstes wieder ein neuer Wagner am
Anhaltischen Theater. "Parsifal" gibt sich am 26. April die Ehre. Gut, daß ich
den "Parsifal" in Leipzig verpasst habe, so gibt es mal wieder etwas Neues für
mich. Ein Bühnenweihfestspiel in
Dessau mit Gästen. Die open air Einweihung mit Gasttenor Richard Decker war
schon mal sehr gelungen und überaus hörenswert.
Wir sind gespannt, wie sich das wohl in den
vier(?!) Wänden des ATD anhören wird. Golo Berg legte sich wieder ins
Zeug und Richard Decker überrumpelte mit seiner deutlichen und glasklaren
Stimme meine Meinung über Wagneropern am Anhaltischen Theater Dessau. Der Parsifal
Vorgeschmack klang sehr viel versprechend und verlangt auf
alle Fälle nach mehr. Wir sehen uns gan
z sicher zur Aufführung wieder.
"Die Qual im Herzen will nicht weichen....
rette mich!"
Ehrfurchtsvoll saß ich im Publikum und lauschte der glasklaren Musik und der tollen Aussprache des Amerikaners. Ach und siehe da, Herr Decker singt wohl jetzt auch den Tristan in "Tristan und Isolde", wie es aussieht noch drei mal in Dessau. Das klingt ja fast wie eine Einladung sich diese Oper noch einmal anzuhören. Ich denke darüber nach, ob ich ihr folgen werde.
Die Anhaltische Philharmonie und Sänger verzauberten diesmal also mit hervorragenden Wagnerklängen unter Dessaus Himmel und gelb angestrahltem Theater meine Seele und weiter ging es ohne Pause aber mit einem netten Dirigentenwitz. Oh ja, da kenne ich auch eine Menge, aber der hier war neu für mich. Eine hübsche Überleitung vom 10 000 EUR Papagei, der Maestro war, zum Maestro am Pult mit Boris Godunow und dem Papageienlied. Sabine Noack erzählte mit wunderbarer Mimik die Story und Nico Wouterse mit ebensolch wunderbarer Mimik die Story zum Tod des Tartaren und Auslöser bzw. Umsetzer jenes musikalischen Lärmes war der Papagei. Hm... es soll ja auch Gelbe geben.
Dann ging es weiter mit leichter Kost, den
Operetten "Der Zarewitsch" und "Das Land des Lächelns" und dem Musical "Der
König und ich". Nun
ja, ich bin kein so großer Operetten Fan, aber finde die beiden Operetten schon
ganz hübsch. "Der Zarewitsch" am ATD ist 100%ig empfehlenswert, da er eigentlich
mehr an eine Oper heranreicht und ich das Soldatenlied am Wolgastrand mag, was
sie diesmal leider nicht sangen. Das Buffa-Paar war gut für das Potpourri, aber
repräsentiert niemals das Potential dieser Operette. Man sollte sich davon nicht
täuschen lassen.
"Das Land des Lächelns" habe ich noch nicht in Dessau gesehen, aber ich mag "Immer nur Lächeln" daraus, was sie diesmal leider auch nicht gesungen haben. Ich lagere es auf einer meiner alten Schellackplatten und kann nicht genug davon bekommen, hat mich schon etliche Nadeln und meiner Nachbarin Nerven gekostet. Auch wenn "Dein ist mein ganzes Herz" nicht von Heinz Rudolf Kunze gesungen wurde, ist der gleichnamige Operettensong ebenso wunderbar und Pieter Roux transferierte ihn perfekt in meine Ohren. Was für eine kraftvolle Stimme!
Ja, Herr Müller, es kommt gut an, wenn die Dirigenten selber reden. Markus L. Frank schien zwar ein bisschen nervös, aber das machte ihn sehr sympathisch. Er dirigiert Operette, Musical und so manche Oper - aha, er übernimmt das Zepter im Anhaltischen Theater - hmmm - nun ja, ein sehr sympathischer Mann, wie schon erwähnt, und meiner Meinung auch ein sehr fähiger..... und es geht auch ohne Zettel.
Das Musical ist genau wie eben Musicals so sind und wer so etwas mag sollte dies hier nicht verpassen, was völlig klar ist bei solchen Sängern. Jerzy Jeszke war für mich neu im Bunde und ich fand er passt hervorragend in die Rolle des Königs aus Richard Rodgers Musical. Zusammen mit Cornelia Marschall ergab es ein wunderbares Duo..... "Wär's nicht schön."....
Leider war die Saisoneröffnungsveranstaltung
viel zu schnell vorbei und Golo Berg verabschiedete uns mit dem gelben
Unterseeboot der Beatles. Mit "Yellow Submarine" und im Takt klatschendem
Publikum leitete er den Farbzug zum Bauhaus und somit das Farbfest ein. Wir
folgten der Aufforderung und liefen zu phantastischer Musik und gelber Performance im
langsamen Schritt mit den Massen zum gelb geschmücktem Bauhaus Gebäude.
Auch dieses Jahr stelle ich fest, daß das ein tolles Gefühl ist, einer Sache beizuwohnen, die nicht in Kitsch und Hüpfburgen abdriftet. Auch dieses Jahr hatte ich das Gefühl von Niveau um mich herum. Ich mag das Bauhaus und alles, was weiter damit zu tun hat und ich finde es gut, daß Dessau sich dieser Sache so annimmt. Vielleicht könnte man sogar noch mehr daraus machen, denn ohne Bauhaus, Theater und Kurt-Weill-Fest wäre Dessau nicht gerade sehr ansprechend. Es wurde eben durch den Krieg sehr gebeutelt, wobei wir mit dieser Feststellung jetzt fast wieder den Bogen zum Anfang meines Berichtes geschlagen hätten.
Eigentlich ist Walter Gropius Vision vom Bauhaus ja auch aus der Katastrophe des Krieges entstanden. Zwar des ersten Weltkrieges, aber der Zweite stand dem ja auch in nichts nach. Mit hehren Zielen gründete er sein Bauhaus: "Eine Vision stand am Anfang der wohl erfolgreichsten wie folgereichsten Schule für Gestaltung: die Idee, aus der Katastrophe des Ersten Weltkrieges einen neuen Menschen entstehen zu lassen. Ein Geschöpf, das mit allen Sinnen begabt, geschult durch die besten Künstler und Architekten der Zeit befähigt sein, Gegenwart und Zukunft eines modernen Jahrhunderts zu erfinden."***
Ab 1933 beendeten die Nationalsozialisten rigoros diese ästhetisch-geistige Zivilisierung Deutschlands*** und das Bauhaus immigrierte hauptsächlich in die Vereinigten Staaten. "Das Bauhaus stand für die progressive Moderne der Weimarer Republik, der Nationalsozialismus für schändliche kulturelle Barbarei."**** Solch monumentale Bauwerke, wie z.B. unsere Flaktürme oder die Ideen eines Albert Speer waren Baukultur des Dritten Reiches. Aber wie es aussieht ließ sich trotzdem der Stil der Moderne auch von den Nationalsozialisten nicht zurückdrängen, wie Paul Betts in seinem Beitrag feststellt. Das Bauhaus war also irgendwie auch in Deutschland erhalten geblieben und es ist gut, daß Dessau diese Historie zu schätzen weiß und wieder auferstehen lässt. Durch seine Immigration bringt man das Bauhaus mit Walter Gropius, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Paul Klee, die Moholy-Nagys, Alfréd Kemény,... und auch das Weill Fest mit Kurt Weill und Brecht allerdings nicht nur mit Dessau, Weimar und Berlin in Verbindung, sondern auch mit Amerika.
Nun ja, aber mit der Einreise nach Amerika ist es dann jetzt
nicht mehr ganz so einfach. Die einzige Zugverbindung wurde wegen der schlechten (Umwelt-) Politik
endgültig stillgelegt. Dem armen Reisenden bleibt nur noch das Auto, oder ein
mühseliger Fußmarsch über einige Kilometer. Was, Ihr lacht und denkt ich bin nun
komplett verrückt geworden? Nein nein, ist wirklich so - aber gut, Ihr habt
schon recht, das Amerika, was ich meine, ist nicht das, wohin das Bauhaus
immigrierte. Wahrscheinlich haben sich diese Herren noch nie dort hin verlaufen.
Das Amerika, was ich meine liegt in Sachsen und war früher mal eine Baumwollspinnerei, die durch Heinrich Börner 1836 gegründet wurde. Jetzt zählt das Örtchen wohl um die 100 Seelen, so im Internet zu finden, und erfreut diverse Pilgerer wie mich, durch seinen netten Namen, den es seit 1876 urkundlich trägt. Selbst eine kleine Ausflugsgaststätte zum Einkehren ist vorhanden und soll wohl schon seit 1876 dort existieren. Nun ja, getestet habe ich die nicht, da wir mit "Picknickkörbchen" unterwegs waren und uns lieber ein gemütliches Plätzchen an der Mulde suchen wollten.
Der hübsche kleine Bahnhof jedenfalls ist leider nach der Stilllegung der Strecke verlassen und verwahrlost, was ich sehr schade finde. Wenn man die Postkarten mit den alten Dampflokomotiven darauf sieht, möchte man sich wünschen, daß sie hier auch so eine hätten. Naja, und allzu viel mehr gibt es auch in Amerika nicht zu sehen und so zog es uns mit sehnsüchtigen Blick von der Brücke hinunter und in Gedanken an die alten Zeiten wieder in Richtung Rochsburg und wir freuten uns auf ein hübsches gemütliches Picknick im Herbstwald, plätschernden Flüsschen und eine gute Unterhaltung zu allem in der letzten Zeit erlebten Kulturgenuss.
Eure Jana
*"Wien - Die Geschichte einer deutschen Großstadt an der Grenze"; Friedrich Walter; Erster Band; S. 3; Verlag Adolf Holzhausens Nachfolger, Wien 1940
**"Wien - Eine Geschichte der Stadt"; Johannes Sachslehner; S. 293; Pichler Verlag, Wien-Graz-Klagenfurt 2006;
***Bauhaus - Hrsg. Jeannine Fiedler; Vorwort S. 8; Tandem Verlag GmbH, 2006
****Bauhaus - Hrsg. Jeannine Fiedler; Paul Betts: Bauhaus und Nationalsozialismus - ein Kapitel der Moderne; S. 34; Tandem Verlag GmbH, 2006