Eine Alpensinfonie
Inspiriert von Strauss Alpensinfonie im UBA Dessau, zog es mich diesen Sommer
wieder in die Natur und Freiheit der Oberstdorfer Alpen. Strauss hat die Magie
der Alpen so gut umgesetzt, daß ich mich diesem magischen Sog einfach nicht
entziehen konnte.
Leider passte ich nach der monatelangen Jahrhunderttrockenzeit genau das Ende dieser mit der ersten Regenwoche ab.
In den Bergen ist das sehr ärgerlich, da man dann am Boden bleiben muß und die Regenwolken einen auch noch den atemberaubenden Blick auf das Bergpanorama verwehren.
Die Sonne kämpfte wie David gegen Goliaths riesige Berge von Regenwolken und ab und zu stellte sie ihm ein Bein und triumphierte mit nahezu strahlendem Antlitz. Dank dieser kleinen Siege konnte ich doch ein paar wenige Bergtouren machen und Dank Goliaths düsterer Stimmung, die mich am Boden hielt, da ich ihr auf keinen Fall entgegen steigen wollte, kam ich zu anderen kleinen Beschäftigungen und Abwechslungen, die sich einem auftun, wenn man aus Verzweiflung danach sucht.
Somit sollten wir die Alpensinfonie eigentlich für solche Situationen fortschreiben ..... Ich hätte ja jetzt fast 'Umschreiben' gesagt, aber das will ich auf keinen Fall. So etwas Grandioses darf nie und nimmer geändert werden, auch wenn es noch so phantastisch regnet in den Bergen..... Also etwas sanftere Musik mit kontinuierlichem Plätschern (mal laut und mal etwas leiser) im Hintergrund. Dann hier und da ein Hupen und Motorgeräusche der vorbeifahrenden Autos, denn wir sind in Ulm und besichtigen die niedliche, kleine Altstadt.
Ein paar
pfeifende Spatzen sollten wir auch noch einbauen und das Knarksen des schiefen
Hauses in der Hochzeitsnacht ;-) Vielleicht lassen wir auch noch ein paar
Forellen unten drunter im Bach springen, am besten gleich in den Kochtopf und in
das Restaurant "Zur Forelle", was zwar sehr hübsch liegt, aber kulinarisch nicht
unbedingt zu empfehlen ist. Allerdings das Schwirren des Taubenschwänzchens,
welches sich kolibriartig von Blüte zu Blüte auf der kleinen Terrasse der
Gastwirtschaft vorarbeitet, sollen wir unbedingt mit einbauen. Die dreckigen
Tischdecken machen zum Glück keine Geräusche und so können wir sie getrost
weglassen. Das "Schnattern" der Ulmer & Gäste und das Treiben in den Straßen,
könnten wir mit einbauen, denn ein Treiben in den Geschäften gab es weniger. Es
lohnte sich nicht. Außer vielleicht ein Porzellangeschäft am Eck mit ganz
hübschen Sachen aus Sachsen, die sich sogar bis hier ans Ende der Welt verirrt
hatten.
Ich
glaube, ich bin ein Stadtmensch. Ulm ist sehr hübsch, aber hat
das Flair einer
Provinzstadt - bis auf den Stau von der Autobahn, kurz bevor man ins Stadtinnere
vordringen konnte. Aber gut, ich kenne wohl bis auf die Altstadt und die Gegend
rund um den Stau auch nicht sehr viel von Ulm und kann das eigentlich gar nicht
richtig beurteilen, aber vor ein paar Tagen war ich nach langem mal wieder in
Dresden und DAS ist eine Stadt und etwas ganz anderes im Vergleich zu Ulm. Naja
gut, vielleicht sollte man beides auch nicht unbedingt vergleichen.
Dresden ist eben etwas Besonderes und ich fühle mich dort mit soviel Geschichte sehr wohl und irgendwie zu Hause.
Schon allein der Fürstenzug der Wettiner auf oben erwähnten Meissner Porzellan läßt mein Herz hüpfen vor Freude und ich könnte stundenlang davor stehen und dieses Meisterwerk bewundern. Nicht nur allein der Wettiner wegen, die ihren Stammsitz eigentlich hier, ein paar Kilometerchen von Halle weg, auf der Burg Wettin hatten, sondern auch wegen der Detailgetreue mit der Wilhelm Walther das Wettiner Geschlecht, bis auf ein paar wenige Ausnahmen dargestellt hat. Besonders Imposant erscheint natürlich August der Starke - gar keine Frage.
Unter den
vielen grandiosen Bauwerken, die Dresden zu bieten hat, ist natürlich das Neuste
z.Z. das von Touristen Umschwärmteste - genau wie der kleine kolibriähnliche
Schmetterling die Blumen, umschwirren sie das Gebäude, dringen durch eine der
hübschen Türen
ein, schnattern, trampeln und knipsen alles, was ihnen vor die Linse kommt, auch
wenn es nicht erlaubt ist.
Es wird wohl noch eine ganze Zeit lang dauern, bis die Frauenkirche wieder die ihr gebührende Ruhe bekommt.
Auch ich konnte mich meiner Neugierde nicht wehren und ließ mich vom Strom der Besichtigungshungrigen mitschleifen.
Ich
staunte nicht schlecht, was sie in dieser jahrelangen Kleinarbeit aus den
wenigen Trümmern entstehen ließen. Ich hätte nicht gedacht, daß die Baumeister
heutzutage noch so etwas zu Stande bringen. Die Dresdner Frauenkirche ist von
Außen, wie von Innen ein Hochgenuß. Nur eben die vielen Menschen stören der
Andacht. Da das keiner auf die Dauer aushält, suchte ich mir ein ruhigeres
Plätzchen und besuchte die Rodin Ausstellung gleich in der Nähe.
Geplant waren eigentlich die Neuen Meister im Albertinum, aber die hatten wegen Renovierung geschlossen und auf die barocken Alten hatte ich an diesem Tage keine Lust. Auguste Rodin ist mir neben seiner Geliebten Camille Claudel und Max Klinger einer der Liebsten und so war die Sache sehr schnell entschieden. Noch vor der ernüchternden Feststellung, daß das Albertinum bis auf Weiteres geschlossen ist.
Ich hätte mich ja auch wirklich vorher im Internet informieren können - aber selbst mit der Erkenntnis wäre ich trotzdem nach Dresden gefahren, denn ich wollte auch noch in den kleinen feinen Laden des sächsischen Porzellans gegenüber der Frauenkirche im Hilton. Ab und zu muß man sich diesen Prunk einfach antun und wer weiß, vielleicht ergibt sich ja auch eine erschwingliche "Zweite Wahl" ;-)
Es ist schon interessant, daß die Meissner Marke um 1720 eine der ersten Marken überhaupt war und das Böttger mit diesem weißen Gold den Chinesen damals das Monopol Europa abjagte. Das weiße Gold war zwar nicht das geplante Gelbe, aber brachte Sachsen und August dem Starken doch einem ansehnlichen Wohlstand. Das erste Porzellan, was nicht chinesisch war kam somit aus dem Osten und heißt also nicht Villeroy & Boch oder Rosenthal.
Rodins
Denker und Klingers Beethoven - der Denker in Gips steht in Dresden und der
Beethoven im Original in Leipzig und schon deswegen würde ich nur ungern nach
Ulm ziehen wollen ;-)
Die Rodin Ausstellung beherbergte natürlich nicht nur dieses, sondern umfasste um die 70 seiner plastischen Meisterwerke, darunter die hervorragende Büste von Mahler und die Sirenen, welche mir am besten gefallen haben. Leider gehörte "der Kuss" nur als Foto zu den Ausstellungsstücken.
Das ist eigentlich meine liebste Plastik Auguste Rodins. Sie ist nicht so filigran wie Camille Claudels "La Valse", aber dennoch ein sehr hübsches Abbild der Zärtlichkeit und in einer kleinen, versteckten Kammer findet man auch noch ein paar seiner erotischen Zeichnungen.
Weil mich
die Rodin Ausstellung nun wieder auf seinen Zeitgenossen Max Klinger gebracht
hat, mußt
e ich ihn mir heute unbedingt ansehen und war im
"Haus der bildenden
Künste" in Leipzig. Für mich ist die Max Klinger Plastik dort der Dreh- und
Angelpunkt der gesamten Ausstellung. Eigentlich ist es sehr bedauerlich, daß sie
nicht mehr im Leipziger Gewandhaus steht. Dort konnte ich sie öfter betrachten.
Aber gut, er macht sich auch sehr gut in den riesigen Räumen des quadratisch
futuristischen Gebäudes. So zwischen Klingers Kassandra und
Salome, die wohl auf
den gutaussehenden Mann dort oben auf dem Thron aufpassen. Umgeben von Beckmann
und Slevogt und allerhand barocker Kreuzigungen und im Hintergrund von
Schlingensiefs Animatographen berauscht. - Wobei ich jetzt nicht wirklich
verstehe, warum er Honegger neben Hitler -- " ... die Geschichte endet niemals.
Aus Nationalsozialismus wird Sozialismus und aus Kapitalismus...." -- an die
Wand gehängt hat. Naja, er hat sowieso ziemlich merkwürdige Phantasien. Und
genau wie über Klingers Beethoven könnte man auch hier Bücher mit Deutungen nach
dem Motto "Was will uns der Künstler damit sagen" schreiben. Was uns der
Künstler wirklich damit sagen will, bleibt im Verborgenen - vielleicht weiß er
es selbst nicht - oder wie im Prospekt zu Schlingensief so treffend geschrieben
steht: "Schlingensief gibt keine Antworten, sondern stellt filmisch Fragen." Nun
denkt Euch Euren Teil und ich wette, er bekommt keine zweite Chance für eine
Wagner Inszeni
erung in Bayreuth, sondern muß sich mit Chickenballs in Salzburg
begnügen. Armer Mozart ---
Aber mal
im Ernst, dieser Animatograph wäre eine gute und reichhaltige Vorlage für einen
Aufsatz in der Schule oder sogar für eine Diplomarbeit - ich meine, 60 Seiten
würde man sehr schnell mit Deutungen voll bekommen. Schlingensief mag vielleicht
ein wirrer Geist
sein, aber brachten nicht gerade die wirren Geister auch die
wirrsten Ideen in der Kunst hervor? Wirr, erschreckend, aber gut.
Trotzdem bin ich froh, daß Klinger wohl nicht ganz so wirr war wie Schlingensief und somit blieb ich auch länger im Hellen bei Beethoven stehen, als im dunklen Hühnerstall von Schlingensief.
Die Beethovenplastik ist einfach brillant. Gar keine Frage. Da ist jedes Detail perfekt, auch wenn sich die Geister noch über den zurückschreckenden Adler zu seinen Füßen streiten. Ich bin da völlig anderer Meinung der Experten. Für mich hat der Raubvogel etwas mit Napoleon zu tun, dem Beethoven so manchmal musikalisch mit den Füßen bzw. in den Hintern getreten hat.
Oh, jetzt
bin ich wohl doch ein bißchen der Alpensinfonie entrückt, aber es gab in letzter
Zeit so viele interessante Dinge, die noch ganz nah und wirklich in meinem Kopf
herumschwirren. Sie brechen immer wieder hervor und stören die Idylle der
Bergwelt und die nahezu verschlafene Ruhe des kleinen Ortes Oberstdorf in den
deutschen Alpen. Nein, so ganz verschlafen ist es dort nicht, es ist eben ein
ganz anderer Lebensstil, der eben manchmal in mir die Langeweile aufkommen ließ.
Mein Hirn hungert nach Freiheit in den Bergen und wenn es die nicht bekommen
kann, dann möchte es beschäftigt werden. Ich war froh das ich ihm wenigstens an
den Abenden Beschäftigung bieten konnte.
Glücklicherweise habe ich diesmal
wieder den Oberstdorfer Musiksommer abgepasst, welcher meinem Hirn eine sehr
genussvolle Beschäftigung bereitete UND beim Durchblättern des Oberstdorfer
Magazins entdeckte ich eine Anzeige zu einer Ausstellung von Grafiken und
Zeichnungen von Corot, Daumier und Delacroix. Phantastisch die verregnete Woche
war gerettet und die Sinfonie kann weitergeschrieben werden beginnend mit dem
Blasorchester der hessischen Landesmusikjugend der Ronneburg am Abend meiner
Ankunft.
Da der Kurpark sich z.Z. im Umbau befindet, mußten die 120 Herren und Damen mit der Wiese des Fuggerparkes als Konzertsaal und einer Parkbank als Dirigentenpodest vorlieb nehmen. Die beiden Dirigenten (Jens Weismantel und Andreas Fath) schien das nicht zu stören, das Orchester spielte hervorragend und ich fand das unkonventionelle Bankpodest und die luftige Parkatmosphäre genial. Ich spendete ebenfalls für ein Grillen und als Dankeschön nach gehörtem und sehr gut gefallenem Konzerterlebnis.
Schade, daß es keinen Programmzettel gab, sonst könnte ich Euch jetzt noch meine Lieblingsstücke hier aufschreiben, die ich ohne Zettel leider nicht mit Namen kenne und es Euch sicherlich nichts nützt, wenn ich sie Euch jetzt hier vorsinge.
Das
Festivalprogramm des Oberstdorfer Musiksommers war dieses Jahr sehr umfangreich
und ich hatte es wirklich nicht einfach mich zwischen den vielen interessanten
Konzerten zu entscheiden. Als erstes entschied ich mich für die Klavierstücke
des Joseph Moog in der Evangelischen Christuskirche und in Anbetracht der
weiteren Regenschauer auch noch für das Kammerkonzert des Faust
Quartett. Das
war eine gute Entscheidung, denn beide Konzerte waren hervorragend.
Der 18 jährige Joseph Moog spielte vor nahezu ausverkauftem Konzert sein anspruchsvolles Repertoire. Die Zuhörer tobten vor Begeisterung und belohnten ihn am Schluß mit einer Standing Ovation.
Die "Nacht" aus Robert Schumanns Fantasiestücken gefiel mir am besten und auch so die beiden Teile aus Franz Liszts "Années de pèlerinage II".
Sein
eigenes Stück, das "Capriccio" über einen Tag aus dem Leben eines
Stattstreichers war meiner Meinung nach auch sehr gut gelung
en.
Interessant auch, daß er z.Z. bei einem meiner Lieblinge, Prof. Bernd Glemser, in Würzburg studiert. Da hat er sich einen hervorragenden Meister ausgesucht. Ich denke immer wieder gern an seine perfekten Konzerte in Dessau und Leipzig zurück.
Gerade klimpert "Des Abends" von Schumann im Hintergrund und läßt mich an den Klavierabend mit Joseph Moog zurückdenken. Er spielte bedeutend kraftvoller, als der, den ich jetzt hier im Hintergrund höre.
"Des
Abends" ist nicht mein Lieblingsstück der "Acht Fantasiestücke" von Robert
Schumann. Meine Abende sind nicht so merkwürdig disharmonisch.
Als nächstes hatte er den "Aufschwung" in seinem Repertoire. Der ist viel energischer und lauter mit hübschen stillen Zwischenteilen, aber gefällt mir eigentlich auch nicht so richtig. Die "Grillen" genauso, aber dann folgt "In der Nacht" und das gefällt mir wieder sehr gut. Schumanns Nacht ist sehr unruhig. Sie klingt nicht nach Schlaf, mehr nach schlechten Träumen und vielen wachen Momenten. Aber trotzdem richtig klasse!
Zum Schluß als Krönung der Liszt mit "Années de pèlerinage" 2. Jahr und davon die Nr. 5, das "Sonetto del Petrarca" und die Nr. 7 "Après une lecture du Dante" - wunderschön.....
Franz Liszt höre ich sonst so gut wie überhaupt nicht und es freute mich sehr, daß Joseph Moog ihn in seinem Repertoire hatte.
Ich genoss diesen Klavierabend wirklich sehr und diese Musik, genau wie die Gipfel der Alpen, macht einfach glücklich und zufrieden. Ich kann das Gefühl wirklich schlecht beschreiben, aber es ist einfach schön :-))
Ein noch
besseres Gefühl allerdings, hatte ich bei dem Konzert der vier hübschen Damen
des Faust Quartett aus Weimar. Das liegt aber auch daran, daß ich Streicher und
besonders Cellis, lieber mag als "nur" ein Klavier.
Sie
begannen, wie ich meine, ein wenig verunglückt mit Joseph Haydns
"Streichquartett h-Moll". Das kam nicht sehr gut rüber, aber dann Anton Webern
mit seinem "Langsamen Satz (1905)" war brillant, einfach erstklassig bis
wunderbar. Das hatte ich von Webern noch nie gehört und bin immer noch
begeistert. Die vier Damen, Uta Klöber, Cordula Frick, Jennifer Anschei und
Birgit
Böhme spielten hervorragend.
Ich konnte gar nicht genug davon bekommen
und bedauerte es sehr, daß der Webern so schnell vorbei war und Schumann mit dem
"Quartettsatz c-Moll" folgte.
Nach der
Pause kam aber für mich der absolute Höhepunkt: Das Klavierquintett Es-Dur von
Robert Schumann. Das Faust Quartett zusammen mit Iwan König spielten so
phantastisch und fesselnd, daß ich dieses Stück sofort zu meinem Lieblingsstück
von ihm kürte. Was für ein wunderbarer erster Satz und das steigert sich noch im
Zweiten. Der Zweite ist das absolut Beste, was ich bis jetzt von Schumann gehört
habe. Oh die Anfangstakte so wunderschön seufzend und berauschend. Dann
zwischendrin diese beruhigende Leichtigkeit, dann fordernd und dann wieder das
dramatische Cello - herrlich! Das Klavier meldet sich, aber die Streicher b
ehalten die Oberhand und ich liebe diesen Cello-Ton einfach.... und dann die
Geigen mit so einer glücklich machenden Melodie.... unglaublich, was der
Schumann da erschaffen hat!
Der dritte Satz ist wieder locker, leicht und hübsch beschwingt. Der kommt mit dem Zweiten nicht mit. Der Zweite ist einfach das Highlight!
Obwohl dieser zarte Mittelteil auch etwas hat. Da möchte man wieder träumen, wird aber schnell wieder durch das aufdringliche Klavier wachgerüttelt und gejagt. Ja genau, man fühlt sich etwas gehetzt im dritten Satz. Da ist kaum Zeit zum Luftholen.... rennen, rennen, rennen.... Wo soll das noch hinführen? Wo rennen wir denn hin?
Der
Vierte bringt wieder ein klein wenig Ruhe in das Geschehen. Selbst das Klavier
rennt jetzt nicht mehr arg so schnell - braucht wohl auch langsam eine
Verschnaufpause. Die Streicher antworten ihm: "Siehst Du, hättest Du uns mal
vorher im dritten Satz nicht so angetrieben. Jetzt kannst Du nicht mehr
Schnaufen!" "Na wartet", antwortet das Klavier noch mal, aber die Streicher
haben mehr Kraft und das Klavier muß sich bremsen. Nein, das
Biest ist einfach
nicht tot zu kriegen. Scheint aber, zum Schluß sind sie sich wieder alle einig
und ich war zufrieden über dieses brillante Konzert und da störte auch der Regen
auf dem Heimweg nicht mehr.
Ein weiteres Highlight in diesem verregneten Urlaub war die Sommerausstellung der Villa Jauss von Druckgrafiken und Zeichnungen der drei bekannten Maler Eugène Delacroix, Honoré Daumier und Jean-Baptiste Camille Corot.
Es hat mich sehr gefreut, daß ich die abgepasst habe. Wäre ich jeden Tag auf den Gipfeln gewesen, hätte ich keine Zeit gehabt mir diese drei französischen Impulsgeber der Moderne anzusehen.
Oberstdorf hatte in dieser Woche wirklich
einiges an Kultur zu bieten und ich genoss alles davon. Ein bißchen ärgert es
mich, daß ich mir
nicht noch mehr Zeit für die kleine aber feine Ausstellung
genommen habe und noch mehr ärgert mich, daß ich zu wenig der Politik dieser
Zeit kenne. Hätte ich gewusst, was mich in Oberstdorf erwartete, hätte ich mich
vorher besser belesen. So war es schwer den Gedanken der Meister zu folgen und
die Beschriftungen der Bilder waren mehr als dürftig. Vor allem Daumier mit
seinen bissigen Karikaturen hätte ich gern besser verstanden. Seine Grafiken
gefielen mir besonders. Zu "Frankreich ruht" hätte ich zu gern mehr Hintergrund
gehabt. Auch seine Karikaturen auf die berühmten Meister sind brillant. Ich sehe
schon, ich muß mir den Text dazu in Form eines Buches über den Maler besorgen.
Das interessiert mich doch zu sehr.
Oder ich schaue hier nach:
The Daumier Website. Das ist eine brillante Seite über den Maler und am besten ist, daß sie
4000 seiner Lithografien katalogisiert und auf ihrer Website abgebildet haben -
phantastisch! Meine Hochachtung!
Delacroix habe ich auch sehr ins Herz geschlossen, hauptsächlich, weil er sich für Theater interessierte. Etliche seiner Shakespeare Zeichnungen waren in der Villa Jauss zu besichtigen und führten mich wie ein Bilderbuch durch die Story des Hamlet. "Die Freiheit führt das Volk" ist wohl eine seiner bekanntesten Werke überhaupt. Seine Bilder aus der Zeit in Marokko sind auch sehr bekannt, aber nicht so wirklich mein Geschmack.
Der
Dritte im Bunde, Corot, gefällt mir eigentlich mehr durch seine Gemälde. Die
Zeichnungen, bis auf die mit dem Blick auf Brunelleschi Kuppel in Florenz, sind
auch nicht so wirklich mein Geschmack. Aber Florenz passte sehr gut zu dem Buch, was
ich gerade über die Medici lese. Das hätte ich mir gern noch
einmal angesehen,
aber leider ist es nirgends im Netz zu finden.
Die Kuppel ist einfach beeindruckend. Unglaublich, wie Brunelleschi das zu dieser Zeit (1436!) schaffen konnte. Ich denke, ich sollte unbedingt mal nach Florenz fahren und es mir ansehen. Corot hat eine Reise durch Italien gemacht und ich würde es ihm am liebsten nachmachen. Zeichnen kann ich auch sehr gut .... aber wie verdient man da sein Geld, daß man unterwegs nicht verhungert?
Die Wanderschaften der Künstler klingen schon sehr romantisch. Ob das nun Musiker, wie Mendelssohn waren, Dichter wie Heine oder eben Maler, wie Corot, alle verschafften sich ein Bild von der Welt und jeder interpretierte es auf seine einzigartige und phantastische Weise.
Wir zehren jetzt noch von den unglaublichen Eindrücken der Vergangenheit und suchen sie in ihren Meisterwerken. Das funktioniert wie eine Zeitreise in längst vergangene Welten und ist doch immer wieder neu zu entdecken. Bis jetzt habe ich das jedes Mal mit anderen Augen gesehen und manchmal glaube ich erst jetzt zu verstehen, was sich mir hinter diesen Ausflügen offenbart. Die Hintergründe bauen sich langsam wie kleine Mosaiksteinchen zusammen und die große Welt wird plötzlich ganz klein, die unendliche Vergangenheit ist gar nicht mehr so unendlich und alles ist so unglaublich nah und gut verständlich.
Eure Jana
.... und ein bißchen Bachgeplätscher, für den der's mag - wmv ca. 1,5 MB Download.