Da der mdr, wie alle großen Firmen,
sicherlich auch ein gutes Record Management hat, und die Seiten der vergangenen
Jahre ordentlich archiviert, kann ich die Originalseite im Netz nicht mehr
finden. Darum für Euch hier die Kopie des Interviews mit Uwe Grodd zu den
Händelfestspielen 2003 auf meiner Homepage.
(Quelle:
Homepage des mdr)
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Imeneo in Halle: "Die pure
Emotion"
Von Stefanie Undisz
Bei den 52. Händelfestspielen soll "Imeneo" aus der Versenkung
auftauchen. Die musikalische Leitung hat Uwe Grodd, der findet, dass die Oper völlig
aus der Händel-Reihe fällt. Im Gespräch mit mdr.de erklärt er, warum das gut
ist.
Sie sind das erste Mal in Halle, wie
gefällt Ihnen die Geburtsstadt Händels?
Halle ist eine sehr schöne Stadt, natürlich wird noch viel gebaut, vieles
müsste noch renoviert werden. Ich bin ganz wunderbar hier aufgenommen worden.
Das Orchester ist fantastisch und die Sänger für den "Imeneo" sind
eine Traumbesetzung.
Welche Beziehung haben Sie zu Händels
Musik?
Händel ist ein äußerst dramatischer Komponist. Er schafft es mit einer
Note im Bruchteil von einer Sekunde eine ganz neue Situation zu kreieren. Da ist
er ein absolutes Genie.
In Deutschland ist die Händel-Rezeption
sehr ausgeprägt. Festspiele gibt es auch in Göttingen oder Karlsruhe. Auch die
Engländer lieben Händel. Wie sieht das in Neuseeland aus, wo sie seit 1983
leben und lehren?
Die Engländer denken natürlich, dass Händel einer von ihnen ist. Schließlich
verbrachte er fast 50 Jahre seines Lebens auf der Insel. Sie haben ihn sozusagen
adoptiert. Als Kolonie wurde Neuseeland stark von Großbritannien geprägt.
Deswegen ist Händel auch dort sehr gefragt.
"Imeneo" gehört nicht gerade
zu den Opern, die häufig gespielt werden ...
Die wird nie gespielt. Wir bieten eine Erstinszenierung der ursprünglichen
Fassung. Anlass ist die neue Edition von Bärenreiter, dem besten Verlag für
Barockmusik. 1740 wurde die Oper in London uraufgeführt, mit mäßigem Erfolg.
1742 probierte es Händel nochmal in Dublin. Dafür änderte er die Charaktere,
viele Arien, teilweise auch die Instrumentierung. Wir halten uns an die Londoner
Fassung von 1740, weil die komplett und wunderschön ist.
Die Oper soll für eine Hochzeit an
einem königlichen Hof komponiert worden sein ...
Ich halte das eher für ein Gerücht. Händel ging es zu dieser Zeit überhaupt
nicht gut. Er fand keinen Anklang mehr bei Hofe, als Opernunternehmer war er
finanziell ruiniert. Deswegen sieht "Imeneo" vergleichsweise spärlich
aus. Diese Oper erscheint fast wie eine emotionale Selbstdarstellung Händels.
Man merkt, er liebt seine Arbeit, die Musik, die Musiker und Sänger, mit denen
er arbeitet. Aber das Publikum will ihn nicht mehr. Er ist offensichtlich nicht
mehr zeitgemäß. Die italienischen Opern waren außer Mode, aber er probierte
es trotzdem nochmal.
"Imeneo" ist also keine
typische Händel-Oper?
Nein. Es ist seine vorletzte Oper, und er hat hier den Versuch gemacht, das
Drama ganz pur stehen zu lassen. Die Titelfigur - Imeneo - kommt dabei nicht als
so genannter Heldentenor daher, sondern ganz untypisch als Bass. Und der
eigentliche Hauptdarsteller ist Tirinto, bei uns besetzt mit einer Frauenstimme,
absolut wunderbar gesungen von Ulrike Schneider. Die pure Emotion.
Ich finde diese Oper unheimlich gut. Es gibt sehr viele ausdrucksvolle
Arien, die so bewegend sind, die so freudig oder so traurig, so einsam und dann
wieder so aufgeregt und positiv stimmen. Außerdem gibt es in der
"Imeneo"-Geschichte nicht die sonst üblichen Verzwickungen in der
Handlung. Es gibt keinen Krieg, keine Haupt- und Staatsaktionen. Es geht
wirklich um die Emotionen.
Warum hat man Sie für die musikalische
Leitung ausgesucht?
Ich arbeite sehr viel an der Oper, ohne dabei auf Barock spezialisiert zu
sein. Allerdings habe ich mit einem Barockorchester zwei Messen von Johann
Baptist Vanhal eingespielt. Diese Erstaufnahmen, der Klang des Orchesters, des
Chores und der Solisten, beeindruckte die Leute vom Opernhaus Halle offenbar.
Sie wollten mir wohl eine Chance geben und eine neue Person einbringen. Ein
Deutscher aus Neuseeland, das ist ja auch wieder eine interessante Mischung.
Wie bereiten Sie sich auf eine neue
Oper vor?
Bei einer Partitur, zu der es keine Aufnahmen gibt, muss man eine innere
Vorstellung gewinnen und dann selbst die ersten Spuren in den Sand schreiben.
Erstmal lese ich mir genau die Geschichte durch. Die Partitur gibt natürlich
einige Hinweise, wie das musikalisch funktionieren soll. Dann muss man eben Stück
für Stück wie ein Legohaus alles zusammensetzen, Note für Note, Instrument für
Instrument. Das ist eine reizvolle Herausforderung, denn man geht auf eine
Entdeckungsreise.
Der Engländer Michael McCaffery
inszeniert die Oper, kannten sie sich bereits vorher?
Nein, nur über das Internet habe wir bereits Monate vorher miteinander
kommuniziert. Am ersten Tag in Halle wollten wir uns eigentlich nur mal für 15
Minuten in der Pause treffen, dann saßen wir gleich für vier Stunden da. Die
Zusammenarbeit ist fantastisch, wir kamen sofort sehr gut miteinander aus.
Haben Sie bereits einen Eindruck, wie
die Oper auf der Bühne aussehen wird?
Oft ist es eher so dass Musik und Regie erst am Ende
zusammenkommen. Michael und ich haben da einen anderen Stil. Ich bin also bei
seinen Proben dabei, damit ich verstehe, wie er das Drama aufbaut. Das Tolle an
der Zusammenarbeit mit Michael McCaffery ist, dass wir das Stück zusammen
entwickeln. Die Geschichte spielt immer noch in Athen, also 2000, 3000 vor
Christus. Die Kostüme, das Bühnenbild sind bei uns eher vom 18. Jahrhundert
inspiriert.
"Imeneo" spielt ursprünglich
im alten Griechenland, Händel verlegte die Handlung ins 18. Jahrhundert. Eine
altmodische Liebesgeschichte mit wenig Action. Sind solche Opern noch zeitgemäß?
Die Stücke des 18. Jahrhunderts erfahren heute eine Art Renaissance, was
nicht heißt, dass es nicht wunderschöne zeitgenössische Opern gibt. Doch oft
sind diese Opern der letzten 40 Jahre sehr stark ein Produkt ihrer Zeit, mit der
sich die Zuschauer vielleicht nicht mehr so gut identifizieren. Wogegen die
Opern des 18. Jahrhunderts zeitlos sind, wenn die Bilder und die Musik, die
Inszenierung ansprechen.
Film und Fernsehen haben die
Unterhaltungsfunktion der Oper ersetzt. Warum sollten die Menschen auch zukünftig
noch in die Oper gehen?
Ein Land wird vor allem an seiner Kultur gemessen, nicht nur am
Bruttosozialprodukt oder daran, wie viele Fernsehkanäle es gibt. Als Menschen
brauchen wir die Reflexion in der Kunst. Es gibt kein Ersatzprodukt, das uns
hilft, uns selbst zu finden und uns auf lange Sicht zufrieden zu stellen.
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Kurzbiografie: Uwe Grodd
Der in Deutschland geborene Uwe Grodd studierte Flöte und Dirigieren. Nach
seinem Abschluss an der Universität Mainz wurde seine Karriere durch zwei
bedeutende europäischen Musiker beeinflusst: den Dirigenten Sergiu Celibidache
und den Flötisten und Komponisten Robert Aitken. Grodd nahm erfolgreich an
internationalen Wettbewerben und Meisterkursen teil und erhielt ein
Graduiertenstipendium für das Banff Centre in Kanada. 1983 ging Uwe Grodd nach
Neuseeland, wo er heute an der Universität von Auckland als Professor für Flöte,
Dirigieren und Kammermusik lehrt. Zu den Höhenpunkten seiner Solokarriere gehörte
der Auftritt bei "Symphony under the Stars" vor 250.000 Zuschauern. Im
Jahr 2000 gewann Grodd den "Cannes Classical Award" in der Kategorie
"Beste Orchestereinspielung der Musik aus dem 18. Jahrhundert".
10.06.2003 | 15:25